«Wir müssen in Zukunft weniger informieren, sondern stärker orientieren»

6 14. Januar 2020 / Posted von Drucken

Im Interview erklärt LBZ-Direktorin Michèle Rosenheck, warum Stillstand im Arbeitsleben so gefährlich ist, was Neugier mit Arbeitsmarktfähigkeit zu tun hat, und warum es in Zukunft nicht nur mehr, sondern auch andere Beratung braucht.

Interview: Michael Milz

Laufbahninfo Michèle Rosenheck, im aktuellen Bildungsguide (S. 22 ff.) schreiben Sie, dass Arbeitsmarktfähigkeit das Stichwort der Stunde ist. Warum eigentlich?

Michele Rosenheck Direktorin LBZ Laufbahnzentrum ZürichMichèle Rosenheck Man hört es überall und in sämtlichen Medien: Die Arbeitswelt wandelt sich, und zwar rasch. Ein wichtiger Treiber ist die Digitalisierung, aber auch andere Faktoren wie Globalisierung und internationalisierte Arbeitsmärkte spielen eine Rolle. Das Schreckgespenst, dass eine Vielzahl Stellen abgebaut würde, ist zwar nicht mehr so präsent. Zweifellos werden Berufe verschwinden. Was aber sicher ist: Alle Berufe werden sich verändern, denn die Digitalisierung ändert nicht nur das Was, sondern auch das Wie unserer Arbeiten und Tätigkeiten.

Von welchem Zeithorizont sprechen wir da?

Ich behaupte, dass es innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre überall spürbar sein wird. In vielen – auch in handwerklichen – Berufen ist die Digitalisierung schon angekommen: Malerinnen und Maler beispielsweise arbeiten zum Teil schon mit Apps.

Wie bleibe ich denn ganz konkret arbeitsmarktfähig? Für viele ist der Begriff auch etwas abstrakt …

Im aktuellen Wandel ist spannend zu sehen, dass die Halbwertszeit von Wissen, das für einen Beruf wertvoll ist, an Bedeutung verliert. In den Vordergrund rücken Methoden, Haltungen und Fähigkeiten, Beweglichkeit und die Freude, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Fachwissen ist zwar nach wie vor wichtig, aber entscheidend ist heute die Fähigkeit, sich neues Wissen anzueignen.

«Es beginnt bei der Haltung»

Zur Frage, wie ich arbeitsmarktfähig bleibe: Es beginnt bei der Haltung und dem Bewusstsein, dass sich mein Umfeld verändert. Wenn ich 55 Jahre alt bin, dann kann ich mich heute nicht mehr darauf verlassen, bis zur Pensionierung gerade noch so durchzukommen. Umso wichtiger ist die Freude, Neues zu lernen und sich zu bewegen.

Das klingt nach ständigen Jobwechseln …

Keineswegs! Vielmehr muss man innerhalb des bestehenden Jobs beweglich bleiben. Diese Haltung, eine eigentliche Metakompetenz, ist die Grundlage zur Erhaltung der eigenen Arbeitsmarktfähigkeit und nötig, um sich neue Methoden und Fähigkeiten sowie neues Wissen anzueignen – etwa wie mit digitalen Instrumenten umzugehen ist, damit ich weiss, wo ich Wissen holen kann.

Wie stark hängen die beiden Begriffe Arbeitsmarktfähigkeit und Digitalisierung zusammen?

Digitalisierung als einer der Haupttreiber für diese Entwicklung sorgt dafür, dass plötzlich ganz andere Fähigkeiten gefragt sind. Gerade das Thema «Künstliche Intelligenz» wird uns noch stark beschäftigen, auch wenn ich mich da weniger sorge als bisweilen Panik gemacht wird. Künstliche Intelligenz ist zwar immer noch sehr beschränkt, nimmt uns aber dennoch nach und nach Routinearbeiten ab. Das hat zur Folge hat, dass andere Fähigkeiten gefragt sind. Das LBZ bietet auf seiner Website sowohl einen Arbeitsmarktfähigkeits-Check sowie einen Digital-Check an: Beide Tests sagen mir, wo ich etwa stehe und was ich alles unternehmen kann, um meine Arbeitsmarktfähigkeit bzw. digitale Fitness zu verbessern.

Um arbeitsmarktfähig zu sein und bleiben, muss ich digital fit sein. Muss ich dafür permanent online sein und all die schnelllebigen Trends mitmachen, um den Anschluss nicht zu verpassen?

Auch hier kommt es auf die Haltung an: Man muss Facebook und Co. nicht zwingend toll finden. Aber es ist wichtig, sich diese Dinge zumindest anzuschauen und auch einmal auszuprobieren und sich so eine Meinung zu bilden.

«Ich muss eine Neugier entwickeln»

Ich darf mich nicht darauf verlassen, dass mir alles zugetragen wird, sondern muss selbst eine Neugier entwickeln und mir überlegen, welche digitalen Kompetenzen für mich wichtig sind und welche Programme oder Anwendungen ich beherrschen muss.

Und dann?

Ausprobieren und damit spielen statt zu warten, bis man zu einer Schulung verpflichtet wird! Das beginnt bei ganz einfachen Dingen: Anstatt jemanden zu fragen, wie dieses oder jenes in Word oder Excel zu bewerkstelligen ist oder es gar von jemandem machen zu lassen, lieber selber ausprobieren und googeln.

«Ausprobieren und spielen statt warten»

Es gibt kaum eine Fragestellung, zu der man online nicht ein Tutorial oder eine Anleitung findet. Wer sich sagt, das gehe ihn nichts an, bleibt stehen.

Das klingt so, als könnte man dieser ganzen Entwicklung auch viel Positives abgewinnen, weil man sich ein Stück weit auch zu mehr Selbstständigkeit erzieht.

Man kann das als positiv wie auch als bedrohlich betrachten. Es wird viel mehr Selbstständigkeit erwartet, aber wir haben aber auch viel mehr Hilfestellungen. Die Informationen sind verfügbar – man muss einfach wissen, wie und wo man sie holen kann. Diese «digital literacy», die viele junge Menschen mitbringen und teilweise so leichtfüssig damit umgehen, müssen wir nicht mehr ganz so Jungen uns künstlich aneignen. «Brave new world» – also alles wird toll und neu – ist ein Aspekt: Viel Mühsames wird uns abgenommen, viele Routinearbeiten, die als menschenunwürdig gegolten haben, verschwinden. So bleibt mehr Platz für die urmenschlichsten Stärken wie Kreativität oder der Umgang mit Menschen. Die Kehrseite ist: Was passiert mit den Menschen, die bisher nur für eben solche Routinearbeiten geeignet waren? Man darf es nicht nur schönreden, die negativen Aspekte sind mir durchaus bewusst. Auf diese Entwicklungen müssen wir als Gesellschaft Antworten finden und auch neue Wege beschreiten.

Wie können wir im LBZ die Menschen darin begleiten, arbeitsmarktfähig zu bleiben?

Zunächst einmal gilt es dafür zu sensibilisieren, dass es uns alle betrifft. Es gibt keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen. Zur Frage, was ich kann tun und wie ich an meiner Arbeitsmarktfähigkeit arbeiten kann, ist schon viel geschrieben und gesagt worden, aber noch nicht viel Handfestes. Wir müssen unseren Kundinnen und Kunden aufzeigen, wie sie herausfinden, was für ihren Beruf wichtig ist. Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Die Arbeit wird uns am LBZ nicht ausgehen! Es wird in Zukunft nicht nur mehr Beratung, sondern auch andere Beratung brauchen.

Inwiefern anders?

Viel Wissen ist schon da, und verschiedene Stellenportale verfügen jetzt schon über sehr gute Onlineinstrumente, mit denen sie sehr viel von unserer Arbeit schon sehr gut machen. Das können wir als beängstigend empfinden, oder wir sagen uns: Okay, da ist so viel Information, wir ermuntern die Leute, diese Informationen auch sinnvoll zu nutzen. Wir müssen in Zukunft weniger informieren, sondern viel stärker orientieren. Wir müssen herausfinden, wie der Kunde die Felder Arbeitsmarkt, persönliche Situation und Kompetenzen in möglichst gute Übereinstimmung bringt, denn die Arbeitsmarktfähigkeit ist die Schnittstelle dieser drei Felder. Unser Job besteht auch darin, diese Schnittmenge zu erweitern: Wie kann ich meine persönlichen Kompetenzen erweitern, wie kann ich meine persönliche Situation verbessern etwa durch Weiterbildung? Hinter diesem Prozess aus Erkennen, Informieren, Orientieren, Unterstützen in der Entscheidung und Umsetzen müssen wir ganz viele Instrumente bereitstellen, egal ob online oder im direkten Kontakt. Es gibt also noch sehr viel zu tun!

Arbeitsmarktfähigkeit und digitale Fitness? Check!

Wie steht es um Ihre Arbeitsmarktfähigkeit? Wie fit sind Sie digital? Machen Sie den Arbeitsmarktfähigkeits-Check und den Digital-Check und finden Sie heraus, wo Sie stehen und wie Sie sich verbessern können!

Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und bin mit dieser einverstanden.

Spam- Schutz *