Fachkräftemangel Ü-50: Zwei Schritte vor, einer zurück

6 23. Oktober 2018 / Posted von Drucken

Mit dem Projekt «Expert Service 50+» hat der Verband Electrosuisse vor zwei Jahren ein Modell für projektbezogene Arbeitseinsätze für Ü-50-Fachkräfte geschaffen. Trotz Fachkräftemangel verharrt die Branche jedoch noch immer in den alten Arbeitsmodellen. Nun fährt Electrosuisse das Programm zugunsten anderer Aktivitäten zurück und bietet den Personalverleih mit vermindertem Service weiterhin an. Möglicherweise ist Expert Service 50+ seiner Zeit voraus, denn das Potenzial wird noch nicht ausgeschöpft.

von Michael Milz

Wer mit über 50 Jahren den Job verliert, benötigt länger für den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Noch immer hält sich hartnäckig das Bild vom teuren, unflexiblen und weniger lernfähigen Mitarbeiter, an dessen Stelle viele Unternehmen lieber junge, dynamische Leute sehen. Was dabei oft übersehen wird: Fundiertes Fachwissen und Expertise wachsen organisch und daher über längere Zeiträume. Mit dem Weggang von erfahrenen Fachkräften geht in einem Betrieb auch viel wertvolles Fachwissen verloren.

Projektbezogene Einsätze

Dank Expert Service 50+ bringen erfahrene Fachkräfte ihr Wissen projektbezogen ein. (Bild: Expert Service 50+)

Um dieser wenig erfreulichen Tendenz zumindest in der Elektrotechnikbranche entgegenzuwirken, hatte der Fachverband Electrosuisse 2016 das Projekt «Expert Service 50+» lanciert, einen Personalverleih, der temporäre Arbeitseinsätze für Fachkräfte ab 50 Jahren anbietet. Im Vorfeld hatte eine Umfrage bei rund 2000 Firmenmitgliedern gezeigt, dass der Fachkräftemangel als grösste Herausforderung wahrgenommen wird – noch vor der Digitalisierung oder dem Wissenstransfer. Die Idee des Projekts «Expert Service 50+» ist, Fachkräfte ab 50 Jahren für zeitlich begrenzte und projektbezogene Einsätze zu vermitteln. Damit werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Fachkräfte werden ohne lange Einarbeitungszeit dorthin vermittelt, wo gerade ein aktueller Bedarf besteht. Gleichzeitig können diese Mitarbeiter wieder Fuss fassen im Arbeitsmarkt.

Viele Betriebe noch nicht bereit

Wie gut «Expert Service 50+» sich mittlerweile etablieren konnte, darüber kann nach zwei Jahren Aktivität natürlich noch nicht wirklich viel gesagt werden. «Es benötigt ein gewisses Volumen, um ein solches Arbeitsmodell in Schwung zu halten», sagt Ulrich Kunz, Projektleiter von «Expert Service 50+». Etwas überraschend kommt der Entscheid, das Projekt zu redimensionieren, dennoch. «Trotz Ingenieurmangel und dem offensichtlichen Bedarf an spezialisierten Mitarbeitern muss erst ein Umdenken stattfinden. Die Betriebe scheinen noch nicht bereit zu sein, offen und flexibel mit variablen Arbeitsmarkt-Lösungen umzugehen. Entgegen der Überzeugung, dass mit Expert Service 50+ dem Fachkräftemangel wirkungsvoll begegnet werden kann, hat das Projekt sowohl bei den Experten wie auch den Unternehmen noch nicht den erwarteten Anklang gefunden», gibt Ulrich Kunz unumwunden zu.

Kontroverse Situation

Auf der Suche nach Erklärungen, hatte Electrosuisse seine Mitglieder gezielt zu Lohn- und Karrierewünschen sowie zu Laufbahngestaltung und neuen Arbeitsmodellen befragt. Die Erhebung, die im neuen Electrosuisse «Lohnradar» publiziert wurde, förderte dabei u. a. zwei interessante Erkenntnisse zutage: zum einen, dass KMU in Sachen neue Arbeitsformen (z. B. Teilzeit, Homeoffice, flexible Arbeitszeit usw.) gegenüber Grossunternehmen weit weniger aufgeschlossen sind, zum andern, dass die Altersgruppe 55+ nur schwer für neue, insbesondere temporäre Arbeitsmodelle zu gewinnen ist. Bei mehr als der Hälfte der über 55-Jährigen liegt der berufliche Schwerpunkt in den nächsten fünf bis zehn Jahren gar beim Ausstieg aus der Arbeitswelt (einschliesslich Pensionierung).

Fazit: Es besteht ein Gap, der zumindest aktuell nicht mit einem Modell wie Expert Service 50+ geschlossen werden kann. Dennoch: Im Hinblick auf die Arbeitswelt 4.0 stehen Veränderungen und Trends an, die zum Teil schon heute zu beobachten sind und sich wohl weiter verstärken werden: Flexibilität, temporäre Arbeit, projektbezogene Anstellungen oder Just-in-time-Kooperationen. «Wir wollen den Gap zwischen Angebot und Nachfrage schliessen», formuliert Ulrich Kunz das mittelfristige Ziel von Expert Service 50+. In einem ersten Schritt ist die Schaffung einer E-Plattform geplant, um Ideen und Wissen zu den Kernthemen Work-Life-Balance, Abwechslung/Vielfalt, Weiterbildung und Verantwortung zu sammeln.

Der Artikel basiert auf einem Referat mit anschliessender Diskussion im Fachzirkel Technik vom 3. Oktober 2018 im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich (LBZ). In der anschliessenden Diskussion zeigte sich, dass das Modell von Expert Service 50+ bei den anwesenden Berufs-, Studien- und Laufbahnberatern und -beraterinnen auf Anklang stiess: Ein BSLB fand, dass es sich dabei um ein zukunftsweisendes Modell handelt, das Potenzial hat, Schule zu machen. Über die weitere Entwicklung von Expert Service 50+ werden wir auf laufbahninfo.ch berichten.

 

Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und bin mit dieser einverstanden.

Spam- Schutz *