Corona im Berufsalltag: Aus der Krise das Beste machen

2 6. Mai 2020 / Posted von Drucken

Wir haben mit einem Musiker, einer Trainerin, dem Betreiber eines Bistros und einem Yogalehrer gesprochen, wie sie wegen der Coronakrise die plötzliche Umstellung auf digitale Hilfsmittel gemeistert haben und was sie andern raten, die in einer ähnlichen Situation sind.

von Michael Milz

Giuliano Sulzberger ist Musiker und Musikproduzent, Slavica Sovilj ist Coach und Trainerin, Tobias Eggimann betreibt mit seinem Geschäftspartner Simon Parpan eine Bistro-Barund Frank Schmid arbeitet als Yogalehrer. Sie alle sind sich den direkten Kontakt mit ihren Kunden gewohnt. Im Interview erzählen sie von ihren Erfahrungen mit digitalen Hilfsmitteln nach rund einem Monat Lockdown.

Laufbahninfo: Durch die Bestimmungen des Bundes wegen der Corona-Situation können Sie bis auf Weiteres nicht mehr wie gewohnt arbeiten. Dennoch sind Sie nicht untätig. Mit welchen digitalen Hilfsmitteln und Tools halten Sie zurzeit Ihren Betrieb aufrecht?

Giuliano Sulzberger, Musiker: Manchmal ist Improvisation gefragt.

Giuliano Sulzberger: Ich habe alle Präsenzzeiten auf Zoom Session umgerüstet. Mit zusätzlichen kleinen Hilfsprogrammen ist es absolut möglich, gute Lektionen zu halten und Mixing Sessions auf Distanz zu führen. Vieles lief eh schon über das Internet. Und so drängte es uns in die Phase 2.0. Diese neuen Tools werde ich definitiv beibehalten, da sie in den entsprechenden Situationen mehrere Vorteile bieten.

Tobias Eggimann: Wir arbeiten derzeit viel aktiver auf den sozialen Medien (Instagram und Facebook) und mit WhatsApp. Viele Kunden bestellen via WhatsApp und erhalten danach auch die neuen Angebots-Flyer per WhatsApp zugestellt. Die sozialen Medien frischen wir regelmässiger auf als vorher.

«Ich habe mich überraschend geschmeidig an den Unterricht am Monitor angepasst» (Frank Schmid)

Frank Schmid: Als Yogalehrer war es sehr naheliegend auf virtuellen Unterricht umzustellen, obwohl ich das jahrelang vermieden habe. Unter den momentanen Umständen habe ich mich überraschend geschmeidig an den Unterricht am Monitor angepasst, obwohl sicher zwei Drittel der Unterrichtsqualität verloren geht. Ich gebe Unterricht auf Zoom und Youtube.

Slavica Sovilj: Meine Beratungsgespräche habe ich auf MS Teams, Zoom, Skype oder Telefon verlegt. Viele Seminare wurden abgesagt oder verschoben. Leider kann ich diese Trainings nicht eins zu eins digitalisieren, dennoch versuche ich, einiges in Form von Webinaren zu vermitteln. Es sind dann meist kürzere Sequenzen, die ins Thema einführen und ein paar Aspekte etwas tiefer beleuchten. Mehr liegt meist nicht drin.

Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gemacht?

Yoga Fernunterricht

Yogalehrer Frank Schmid kann sich vorstellen, dass der Unterricht in Zukunft sowohl real wie virtuell sein wird.

Frank Schmid: Als Unterrichtsperson fühle ich mich eher beschnitten und eingeschränkt, da der Schüler nicht mit Leib und Seele anwesend ist und ich deshalb auch keine verbalen oder handfesten Korrekturen vorschlagen kann. Der Schüler tritt ein wenig in den Hintergrund und ich muss mir diesen vorstellen und bin eher am Vortragen als am dreidimensionalen Unterrichten. Für mich ist ein Verlust an realer Präsenz wahrzunehmen.

Slavica Sovilj: Bei den Einzelcoachings funktioniert es sehr gut. Bei den Seminaren ist es etwas schwieriger, da das Lernen im sozialen Kontext, in dem man Dinge ausprobiert und sich gegenseitig Feedback gibt, digital nur beschränkt möglich ist. Die Teilnehmenden ermüden relativ schnell, deshalb müssen die Sequenzen eher kürzer gehalten werden. Dennoch schätzen es alle sehr, da solche Webinare einen Unterbruch in ihrem Home-Office-Alltag darstellen und sie etwas lernen können.

Giuliano Sulzberger: Workflowmässig habe ich eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht. Das einzige Problem ist der fehlende soziale Kontakt. In einer Normalisierung wäre ich einer 50/50-Version nicht abgeneigt.

«Am effektivsten sind für uns WhatsApp und Mund-zu-Mund-Propaganda» (Tobias Eggimann)

Tobias Eggimann: WhatsApp ist sehr simpel und unkompliziert und erlaubt es uns, einfacher mit unseren Kunden zu kommunizieren. Facebook und Instagram zeigen uns, wie wichtig es ist, heute auch gewisse Generationen per soziale Medien zu erreichen. Aber am effektivsten ist es für uns, via WhatsApp und Mund-zu-Mund-Propaganda Werbung zu machen. So erreichen wir vor allem unsere Stammkunden und Freunde.

Wenn der Courant normal wieder eintritt, was werden Sie ändern oder anpassen, um für eine ähnliche Situation in Zukunft besser gerüstet zu sein?

Bistrobetreiber Tobias Eggimann und Simon Parpan (Bild) sind auf den sozialen Medien viel aktiver – und treten in die Pedale!

Tobias Eggimann: Ich denke, es macht Sinn, die sozialen Medien besser zu pflegen. Zudem macht es auch Sinn gewisse Plattformen zu unterstützen, die einen dann auch erwähnen. Das bringt Werbung und Traffic.

Giuliano Sulzberger: Als Selbstständigerwerbender ist es sicherlich schlau – wenn auch schwierig in der Musikindustrie –, sich ein finanzielles Polster zuzulegen. Bei allem anderen ist Improvisationskunst vonnöten. Go with the flow!

«Ich habe, wie viele andere auch, viel dazugelernt.» (Slavica Sovilj)

Slavica Sovilj: Ich war schon vorher technisch recht gut gerüstet. Ich hatte jetzt allerdings die Zeit, mir sehr viele gute Youtube-Videos anzuschauen, wie man es richtig macht. Ich habe, wie viele andere auch, viel dazugelernt und denke, dass bei allen die Bereitschaft gestiegen ist, die digitalen Möglichkeiten noch mehr zu nutzen. Bei den Seminaren denke ich, werden wir neue Formate entwickeln, in welchen wir noch stärker das Digitale mit dem Analogen kombinieren. Da bin ich jetzt dran, mir Konzepte zu überlegen. Die direkte Interaktion wird aber immer wichtig bleiben.

Frank Schmid: Ich glaube, dass Unterrichten, in welcher Form auch immer, ob Yoga oder klassischer Schulunterricht, in Zukunft in einer Mischung aus virtuell und real stattfinden wird. Statt dreimal pro Woche ins Yogastudio zu kommen, werden die Leute zweimal zu Hause am Bildschirm üben und dann einmal noch im Studio für das reale Erlebnis. Ich glaube, dass wird sich so etablieren, und so kann auch ein zukünftiger, ähnlicher Notstand abgefedert werden.

Welche Tipps können Sie anderen weitergeben, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden?

Hat vor allem mit Einzelcoachings sehr gute Erfahrungen gemacht: Coach und Trainerin Slavica Sovilj.

Slavica Sovilj: Die Zeit nutzen, sich weiterzuentwickeln, Neues auszuprobieren, sich mit anderen auszutauschen und so neue Ideen zu entwickeln. Auch wenn ich in den nächsten Wochen und Monaten weniger Aufträge und Einkünfte haben werde, nutze ich die frei gewordene Zeit, viel zu lesen, den Kontakt zu meinen Kunden zu pflegen, mein Netzwerk auszubauen und neue Angebote zu entwickeln. Wichtig ist mir auch, mit Kollegen und Freunden im Austausch zu bleiben und trotz «Social Distancing» den sozialen Kontakt zu pflegen. Zum Ausgleich versuche ich, regelmässig Sport zu treiben und jeden Tag spazieren zu gehen und mir auch sonst Gutes zu tun.

Frank Schmid: Selbstverantwortung übernehmen, brachliegende Talente wecken und motivieren, mehrspurige Pläne schmieden (Teilzeitarbeit mischen mit Selbstständigkeit), flexibel und entspannt bleiben.

«Go with the flow» (Giuliano Sulzberger)

Giuliano Sulzberger: Am wichtigsten finde ich Stress zu reduzieren, sich mental und physisch über Wasser zu halten und probieren, die positiven Seiten der Situation zu finden.

Tobias Eggimann: Immer das Positive sehen und etwas mitnehmen aus der Krise. Diese Erkenntnisse helfen, allfällige zukünftige Unterbrechungen lockerer zu nehmen. Auch wenn eine solche Situation finanzielle Einbussen mit sich zieht, immer überlegen, was könnte ich noch versuchen oder ändern. Manchmal ist es auch sinnvoll, etwas zu machen ohne dabei sofort einen Gewinn daraus zu ziehen.

 

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