Beratung nach dänischer Art

8 21. August 2014 / Posted von Drucken

Ein Mitarbeiter des Laufbahnzentrums der Stadt Zürich nimmt im Mai dieses Jahres an einer 5-tägigen Studienreise nach Dänemark teil. Auf dem Programm stehen Besichtigungen von Berufsberatungen sowie ein Einblick in die Online-Beratung eGuidance.

von Marco Graf und Jürg Mühlemann

Beinahe ganz Europa war in der Reisegruppe vertreten: Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Deutschland, Österreich, Ungarn, Polen, Schweden, Norwegen, Holland, Frankreich, die Türkei und die Schweiz. Die meisten Teilnehmenden waren Berufsberaterinnen, aber auch Schulleiter, Schulpsychologinnen und Lehrer waren darunter. Sie alle machten auf Marco Graf, unseren Mann in Dänemark, einen interessierten, offenen und sehr sympathischen Eindruck. Auch vom Gastgeber hält er viel: „Wir wurden von den Dänen immer bestens bewirtet, und die Referenten waren sehr kompetent.“

Das Programm der Studienreise umfasste Besichtigungen von Berufsberatungen an Schulen unterschiedlicher Niveaus – Volksschule, Gymnasium, höhere Fachschule, Universität, Schule für Erwachsene – sowie einen vertieften Einblick in die Online-Beratung eGuidance.

Die Erwartungen des Besuchers aus der Schweiz wurden übertroffen: „Die Studienreise war viel spannender, inspirierender und lehrreicher, als ich es erwartet hätte“, meint Marco Graf, Berufs- Studien- und Laufbahnberater im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. Ihm wurde klar, dass nicht nur wir eine gute Berufsberatung haben, und gesteht ein, dass Dänemark in gewissen Bereichen sogar die Nase vorn hat.

Die Berufsberatung in Dänemark
Aufgefallen sind Graf die klaren Vorgaben aus der Politik. In jeder Präsentation, die im Rahmen der Studienreise geboten wurde, sei darauf hingewiesen worden:

  • Alle unter 18 Jahren müssen entweder in einer Ausbildung sein, erwerbstätig sein oder einer Aktivität nachgehen, die zu einer Ausbildung führt.
  • 95% der Bevölkerung sollen über einen Abschluss auf Sekundarstufe II verfügen.
  • Die Berufsberatung hat sich auf die 20% der Bevölkerung zu konzentrieren, die es am meisten nötig haben. Gemeint sind damit diejenigen, die entweder aus dem Bildungssystem gefallen sind oder bei denen diese Gefahr besteht.
  • Es sollen mehr junge Leute in eine berufliche Grundbildung geführt werden. (Dies die einzige Vorgabe, die nicht mit einer Zahl präzisiert wurde.)

Die Beratungsstellen sind entweder an eine Schule angeschlossen oder als externe Stellen für jeweils eine Schulstufe zuständig. Die Beratenden haben oft mehrere Rollen: Neben der eigentlichen Berufsberatung planen sie zum Beispiel mit den Studierenden den Stundenplan, helfen ihnen bei der Wahl von Austauschprogrammen und bestimmen mit, ob ein junger Mensch für eine weiterführende Schule zugelassen wird. Die Beratenden sind auch verpflichtet, junge Leute unter 18 Jahren, die in keiner Ausbildung stehen, aufzusuchen und ihnen dabei zu helfen, sich wieder ins Bildungssystem zu integrieren.

Die Beratungen sind in der Regel kurz und dauern rund 20 Minuten. Tests oder vertiefte Abklärungen kommen kaum vor. Gemäss Vorgaben konzentrieren sich die Beratenden auf diejenigen Schülerinnen oder Studenten, die in Gefahr sind, das Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Zur Bestimmung dieses Gefahrenpotenzials wurde von der Studienberatung ein Fragebogen entwickelt, der zum Beispiel Motivation, Leistung und Unterstützung durch das Elternhaus erfasst. Mit Hilfe dieses Fragebogens sollen diejenigen Jugendlichen identifiziert werden können, die eine Beratung nötig haben. Das heisst, die Beratenden bestimmen, wer zur Beratung eingeladen wird, nicht der Kunde oder die Kundin!

Oft ist von career guidance die Rede, was in den Augen des Teilnehmers aus Zürich die Tätigkeit der dänischen Berufsberatenden gut ausdrückt: Beratung im Sinne von Führung und Anleitung, sehr auf den Moment fokussiert und zielorientiert.

Berufsinformationszentrum
Während der Studienreise war die Studienberatung von Kopenhagen gerade daran, in neue Räumlichkeiten umzuziehen. Die Besucher und Besucherinnen erfuhren, dass im neuen BIZ ganz auf Informationen auf Papier verzichtet werde. Sie durften einen Blick in das alte BIZ werfen, das nach Grafs Ansicht kaum mit unserem vergleichbar ist: „Viel kleiner, viel weniger Papier.“

eGuidance
Die Online-Beratung eGuidance ist die Beratungsstelle für alle, ob Schüler, Studentin, Eltern oder Erwerbstätige. Jede Person in Dänemark, die Informationen zu Bildungsfragen benötigt, soll von erfahrenen Beratenden Unterstützung erhalten. Während sich die Berufs- und Laufbahnberatung entweder an eine bestimmte Altersgruppe richtet oder an einer Schule stattfindet, ist eGuidance für alle da.

Die Beratungen von eGuidance finden via E-Mail, Chat, Facebook, Telefon oder Webinar statt. Kunden und Kundinnen wählen die Zeit und den Kanal. Sie können anonym bleiben, wenn sie möchten. Die Gespräche werden nicht aufgezeichnet, doch die Ratsuchenden haben die Möglichkeit, einen Chat abzuspeichern, was vor allem dann Sinn macht, wenn Beratende z.B. einen Link einfügen.

Eingeführt wurde eGuidance im Jahr 2011. Beschäftigt werden 35 Berater und Beraterinnen. Zwölf davon Vollzeit, die übrigen sind Teilzeit bei einer Beratungsstelle tätig und arbeiten daneben für eGuidance. Die Beratungsstelle ist die ganze Woche erreichbar, auch am Wochenende!

Ein Chat dauert im Durchschnitt elf Minuten, ein Telefongespräch sieben Minuten. Es besteht jedoch keine Zeitlimitierung. Die Beratenden beantworten an einem Tag telefonische Anfragen und sind am nächsten Tag im Chat und auf Facebook oder halten ein Webinar. Die Mails werden in der Regel auf alle verteilt. An einem normalen Tag hat eine Beraterin rund 25 Kontakte.

Eine eGuidance-Beratung besteht zu 40% aus Information, zu 60% aus „reflection“. Die Beratenden legen Wert auf die Feststellung, dass sie in einem Beratungscenter arbeiten, nicht auf einer Informationsstelle. Den Kunden zum Nachdenken anzuregen, sei eine zentrale Aufgabe.

Ein Webinar – ein Web-Seminar – ist eine Videopräsentation zu einem bestimmten Thema oder aber eine offene Fragerunde. Der Berater, die Beraterin ist live vor der Kamera und beantwortet Fragen, die per Chat reinkommen. Meistens sind mehrere Besucher und Besucherinnen online und hören zu oder warten darauf, dass ihre Frage beantwortet wird. So können sie auch von den Fragen der anderen lernen.

Für den Kanal Facebook lautet das Motto: „Wir bestimmen das Thema.“ Primäre Zielgruppe sind die Jüngsten, der Auftritt richtet sich aber an alle. Die Verantwortlichen geben zu, dass es viel Zeit und Erfahrung gebraucht habe, bis Facebook sinnvoll genutzt werden konnte. Zunächst habe man Informationen geliefert, aber kaum Echo erhalten. Jetzt wird morgens jeweils eine Frage gepostet, womit eine Diskussion angeregt werden soll. Eine Frage könnte lauten: „Wenn du eine Ausbildung beginnst, wie schaffst du es, dort Freunde zu finden?“ Oder: „Wenn du dich für eine Ausbildung entscheidest, wie weisst du, ob du damit auch einen Job finden wirst?“ Die Antworten werden kommentiert oder gelikt.

Die Teilnehmenden der Studienreise hatten Gelegenheit, die Arbeitsplätze zu besichtigen und einer Beraterin beim Chatten zuzuschauen. Der Besucher aus Zürich fand Arbeitsort und Arbeitsweise sehr faszinierend. Als wichtigste Aussage bleibt Graf: „Beratung bleibt Beratung, egal auf welchem Kanal“.

Im neuen Programm der Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit sind aktuell leider keine weiteren Studienreisen vorgesehen. Berufs-, Studien- und Laufbahnberatende können sich aber bei dieser Stiftung für einen Academia-Weiterbildungskurs oder für ein Job-Shadowing (individueller Austausch) in einem europäischen Land anmelden. Die Academia-Weiterbildungskurse sind einer Studienwoche ähnlich und werden in verschiedenen europäischen Ländern angeboten. Mehr Informationen erhalten sie unter http://www.ch-go.ch/euroguidance

Für längere Projekte bietet evtl. das Programm Grundtvig etwas Passendes. Besuchen Sie für weitere Informationen die Webseite http://www.ch-go.ch/grundtvig 

Links:

Bildungssysteme von Europa:
http://eacea.ec.europa.eu/education/eurydice/index_de.php

Career guidance in allen europäischen Ländern:
http://euroguidance.eu/

2 Kommentierte

  • Irene Glaser 21. August 2014 - 17:06 Antworten

    Dieser Beitrag über das System in Dänemark ist sehr spannend! Interessant sind auch die Vorgaben der Politik. Netz2 hat sehr ähnliche Vorgaben…

  • Patrick Cotti 22. August 2014 - 6:42 Antworten

    Danke für die Horizonterweiterung! Bestärkt uns auch auf dem Weg zum BIZ 2015 in der Stadt Zürich. Webinar ist zu überlegen!

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