Am Anfang war das Bauchgefühl

7 6. Februar 2015 / Posted von Drucken

Was führt Menschen dazu, sich für eine Laufbahnberatung anzumelden? Willi Frey, Berater im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich, trägt die vielfältigen Beweg- und Hintergründe zusammen und geht auf den Reifungsprozess ein, der einer Anmeldung vorausgeht.

von Willi Frey 

Laufbahnzentrum der Stadt Zürich: Täglich treffen sie hier ein, die Anmeldungen von Leuten, die eine Beratung wünschen. Und täglich werden sie von der zuständigen Fachperson bearbeitet. Die meisten Formulare gehen inzwischen per E-Mail ein, andere nach wie vor per Briefpost. Die Anzahl schwankt, wobei es Anfang Woche deutlich mehr sind. Der Montagskoller, der sich am Wochenende anbahnt und gegen Sonntagabend zuspitzt, trägt offenbar dazu bei. Saisonal bedingte Schwankungen sind ebenfalls auszumachen: Im Januar scheint der Gute-Vorsatz-Effekt zu greifen: Männer und Frauen, an Silvester das Sektglas schwingend, haben sich vorgenommen, endlich etwas zu verändern und die Planung ihrer beruflichen Laufbahn im nächsten Jahr in Angriff zu nehmen. Denn lange genug ist man nun bereits in seiner Funktion angestellt. Die verpflichtende Maxime des lebenslangen Lernens ruft eindringlich und warnend nach der nächsten Weiterbildung. Oder die Umstrukturierung, lange zum Voraus und mehrmals schon angekündigt, hat nun doch noch stattgefunden und die Stelle scheint nicht mehr gesichert.

Die Gründe, weshalb sich erwachsene Personen für eine Laufbahnberatung anmelden, sind vielfältig. Frau A. F. schreibt in ihrer Anmeldung:

Nach einer Ausbildung zur Kindergärtnerin und einem bestandenen Vorkurs habe ich die Fachklasse Design an der Hochschule für Gestaltung besucht und danach einige Jahre im Ausland als Grafik-Designerin in der Werbebranche gearbeitet. Nun bin ich wieder in die Schweiz zurückgekehrt und möchte mit jemandem meine Möglichkeiten und meine verschiedenen Ideen besprechen, die mir momentan durch den Kopf schwirren. Wie kann ich hier Fuss fassen, wie sieht der Arbeitsmarkt aus und welche Alternativen eröffnen sich mir mit meinen bald 40 Jahren? Als Kindergärtnerin sehe ich mich eigentlich nicht mehr und den Einstieg in die Grafik stelle ich mir nicht ganz einfach vor.

Rückkehr aus dem Ausland, gute Bildung in einem allerdings hart umkämpften Marktsegment, dazu bescheidene Motivation, im pädagogischen Bereich zu arbeiten. Ob der Wiedereinstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt gelingt, wird wesentlich davon abhängen, wie flexibel Frau F. ist, wie hoch ihre Ansprüche an einen gewissen Lebensstandard sind, welche Vorstellungen sie zum Thema Familie/Kinder mitbringt, wie ihre finanzielle Lage aussieht.

Kürzer präsentieren sich die Angaben aus der Anmeldung von Herrn U. D. Er schreibt, dass er an der Uni Zürich Philosophie und Geschichte studiert habe und seit einiger Zeit im Kunsthandel tätig sei. Weitere Stichwörter: schwierige jetzige Situation – möglicher Stellenwechsel – berufliche Neuorientierung evtl. im kulturellen oder im sozialen Bereich.

Ein innerer Prozess
Alle Leute, und zwar ausnahmslos alle, die sich für eine Beratung entschliessen, haben bereits einen Weg hinter sich. Niemand von ihnen wacht frühmorgens auf und denkt: „Ich könnte eigentlich mal in eine Laufbahnberatung.“ Gemeint ist nicht nur ein beruflicher Weg, sondern vor allem ein innerer Prozess. Auslöser können die verschiedensten Gründe sein: Vielleicht gab es im Wunschberuf des 34-jährigen Hilfsarbeiters nur ganz wenige Lehrstellen, oder er hat aus Unsicherheit über seine Vorlieben eine Grundbildung verpasst. Mit etwas Glück und guten Kontakten hat er immer wieder eine Arbeit gefunden. Mit der Zeit jedoch gestaltete sich einerseits die Stellensuche immer schwieriger, und andererseits wurde deutlich, dass ein Weiterkommen in der heutigen Arbeitswelt kaum möglich ist ohne das Fundament einer ersten Ausbildung. Seine Motivation lautet: „Wenn ich einen Schritt weiterkommen will im Berufsleben, brauche ich einen Abschluss – und diesen will ich nun nachholen.“

Anders die Situation der Frau, die nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehre gemacht hat, eine Zeitlang darin Erfahrungen sammelte und nun gerne vertiefte Kenntnisse in ihrem Bereich erwerben will. Sie strebt damit mehr Verantwortung in ihrem Betrieb an und steigert damit auch ihre Chancen auf einen zukünftigen Stellenwechsel. Dass sich das in der Regel auch auf das Lohnkonto positiv auswirkt, nimmt sie gerne zur Kenntnis.

Oder der Berufsmann, der nach einigen Jahren Erfahrung in seinem Lehrberuf meint, da gebe es doch noch andere Tätigkeitsfelder, so viele Berufe, strahlt er begeistert und meint, er habe noch weitere Interessen und Fähigkeiten. Jetzt, mit knapp dreissig Jahren müsste doch ein Neuanfang noch möglich sein. Er hat natürlich recht und steht mit seiner Fragestellung in der gleichen Situation da wie die Klientin, die einen radikalen Schnitt machte. Sie berichtet, sie habe von der zweiten Woche im ersten Lehrjahr an gewusst, dass dies die falsche Ausbildung sei, habe die Lehre jedoch durchgezogen und sie vor einem Monat erfolgreich abgeschlossen. Nun sei aber genug, es müsse etwas Neues her.

Von der leisen Ahnung zum rationalen Argument
Bei allen diesen geschilderten Fragestellungen beginnt der Prozess meistens im Bauch. Ein Gefühl tritt auf. Vielleicht ist es vorerst nur eine Ahnung von Unsicherheit oder eine Unzufriedenheit, ein Verlangen nach Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Das Gefühl steigt hinauf in den Kopf, es folgen Überlegungen nach Veränderung, meist zuerst für sich allein, „im stillen Kämmerlein“. Diese Gedanken begleiten die Leute durch ihren Alltag, durch den privaten und den beruflichen, durch das Erwerbsleben und das persönliche Erleben. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen Kopf und Bauch, zwischen rationalen Argumenten und emotionaler Befindlichkeit. Das treibt die Leute um und beschäftigt sie stark, oft am Morgen schon nach dem Aufwachen oder am Abend nach getaner Arbeit.

Später diskutieren die meisten Leute diese Themen mit Vertrauenspersonen ihrer näheren Umgebung: im Kollegenkreis, in der Familie, mit dem Partner oder der Partnerin zusammen, und sie versuchen auf diesem Weg, einen Schritt weiterzukommen in ihrer Entscheidungsfindung. Verschiedentlich nerven sie mit ihren wiederkehrenden Fragen die Gesprächspartner, und spätestens beim vierten oder fünften Mal heisst es dann: „Nun hör mal gut zu, das haben wir ja bereits zwei- oder dreimal diskutiert miteinander. Ich habe dazu gesagt, was ich denke. Geh doch mal in eine Beratung, dort sind Profis, die können dir bestimmt weiterhelfen.“

Sonntagabend, kurz vor Mitternacht, öffnet sie den Link und tippt ihre Personalien und – stichwortartig – ihre Fragestellung ins elektronische Anmeldeformular ein.

Am Montagmorgen, wenige Stunden später, öffnet im LBZ die Fachverantwortliche ihr Postfach, liest und sortiert die Anmeldungen und meint zum Berater: „Schau mal, hier habe ich dir einen spannenden Fall.“ – „Weisst du“, antwortet dieser und nimmt das Anmeldeformular neugierig entgegen, „in unserer Beratungsarbeit gibt es eigentlich nur spannende Fälle!“

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