Zupacken mit neuer Berufslehre in Chemie und Pharma

5 13. Juni 2018 / Posted von Drucken

Der Bedarf aus der Industrie war da, also hat man reagiert: Ab sofort gibt es mit Chemie- und Pharmapraktiker/in EBA eine neue Grundbildung mit Berufsattest. Erstmals wurde eine Ausbildung im beschleunigten Verfahren realisiert. Die ersten Lernenden starten im August 2018.

von Michael Milz

Plötzlich ging es sehr schnell: Seit 1. Juni 2018 ist die Verordnung über die berufliche Grundbildung Chemie- und Pharmapraktiker/in EBA in Kraft – dies, nachdem die neueste Grundbildung mit Berufsattest rund ein Jahr zuvor aufgegleist wurde. Die Erarbeitung des neuen Berufs erfolgte im so genannten Fast-Track-Verfahren (vgl. SBFI-News Juli/August 2018, S. 8ff.). Mit ein Grund dafür war, dass ein klarer Bedarf seitens der Industrie gegeben war, sagt Reto Fankhauser vom Ausbildungszentrum Aprentas in Muttenz. Fankhauser hat die neue Grundbildung als Projektleiter begleitet. «Schon seit längerer Zeit gab es bei diversen KMU das Bedürfnis nach einer niederschwelligeren Grundbildung», sagt er. Zwar hätten die Firmen versucht, ihren Bedarf zum Beispiel über branchenfremde Berufsleute abzudecken – doch der Markt sei ziemlich ausgetrocknet.

«Es braucht eine zweijährige Ausbildung»

Tatsächlich gab es schon einmal eine niederschwelligere, zweijährige Ausbildung in der Chemie- und Pharmabranche. Die Verordnung zum Cheministen bzw. zur Cheministin ist aber bereits seit 2011 aufgehoben – der Bedarf der Industrie war schlicht zu gering. Doch in den letzten Jahren scheint der Wind gedreht zu haben, insbesondere in der Region Mittelland. Zudem sind die Ansprüche an die künftigen Chemie- und Pharmatechnologinnen und -technologen EFZ gestiegen. «Es hat sich gezeigt, dass man einfach eine zweijährige Ausbildung braucht für alle, deren Rucksack nicht so gut gefüllt ist», sagt Reto Fankhauser.

Chemie- und Pharmapraktikerinnen und -praktiker EBA werden vor allem für praktische Arbeiten in ihren Betrieben eingesetzt: Sie arbeiten an grossen Apparaten und Maschinen, die sie für die nachfolgenden Prozesse vorbereiten, und reinigen diese nach dem Produktionsprozess. Zudem entnehmen sie Materialien und füllen diese um, oder sie nehmen auch logistische Aufgaben wahr, etwa Materialtransporte. Sie führen auch einfachere Wartungs- und Reparaturarbeiten durch, etwa das Wechseln einer Dichtung. Alle Aufgaben führen sie nach Vorgaben und/oder unter Aufsicht durch.

Auch für Frauen geeignet

«Gefragt sind in diesem Beruf Leute die zupacken können und über eine gewisse Robustheit verfügen», meint Reto Fankhauser mit Blick auf die Anforderungen. Dank diverser technischer Hilfsmittel und der teilweisen Automatisierung sei die Arbeit aber körperlich nicht mehr so streng wie früher. «Deshalb eignet sich der Beruf auch gut für Frauen.» Ein gewisses Interesse an chemischen und physikalischen Prozessen sollte zudem da sein – zumindest sollte man keine Angst davor haben, und auch eine Affinität zu Technik schadet nicht, arbeiten die Berufsleute doch oft an grossen Maschinen und Apparaten.

Weiter seien Zuverlässigkeit und auch Ehrlichkeit wichtige Eigenschaften, die man mitbringen sollte – das heisst, man muss zu Fehlern stehen können und diese melden: «Gerade in dieser Branche können auch kleine Fehler weitreichende Folgen haben.» Seitens der Firmen seien die Anforderungen in Sozial- und Selbstkompetenz auch im Bereich EBA vergleichsweise hoch: Pünktlichkeit, Teamfähigkeit und nach Vorschrift arbeiten stelle Jugendliche durchaus vor Herausforderungen.

Vorsprung statt verkürztes EFZ

«Im schulischen Bereich haben wir bewusst versucht, die Ausbildung niederschwellig zu halten», sagt Fankhauser. Wie bei anderen Attestausbildungen sind es während der zwei Jahre insgesamt 720 Lektionen – dies im Gegensatz zu den rund 1500 Lektionen, die Chemie- und Pharmatechnologen und -technologinnen EFZ absolvieren, was mehr ist als in mancher vierjährigen Lehre. Dieser grosse Unterschied zwischen der EBA- und der EFZ-Ausbildung in dieser Branche erklärt auch, weshalb mit dem EBA in der Tasche nicht einfach eine verkürzte EFZ Lehre angehängt werden kann, wie das sonst gang und gäbe ist. Das Problem seien die unterschiedlichen Ausbildungsmodelle, erklärt Fankhauser. «Beim EFZ haben wir ein degressives Schulmodell – während der ersten drei Semester zwei Tage, während der zweiten drei Semester ein Tag Schule pro Woche –, beim EBA hingegen das klassische Modell mit wöchentlich einem Tag Schule und vier Tagen Betrieb.»

Letztlich habe ihnen auch der Bund aufgrund der Erfahrungen aus der Gastronomie von einem Einstieg in eine verkürzte Lehre abgeraten. «Wir sind überzeugt davon, dass es für die jungen Leute besser ist, wenn sie nach dem EBA ins erste Lehrjahr als Chemie- und Pharmatechnologe oder -technologin einsteigen, weil sie dann schon einen gewissen Vorsprung haben.»

Kurz erklärt

Voraussichtlich starten rund zehn bis zwölf Jugendliche im August 2018 die neue berufliche Grundbildung als Chemie- und Pharmapraktiker/in EBA. Bei den Lehrbetrieben handelt es sich vornehmlich um KMU im Grossraum Mittelland. Die schulische Bildung wird an der Berufsfachschule in Aarau absolviert. 2019 wird Visp als Schulstandort dazukommen. Grundvoraussetzung für eine Lehre als Chemie- und Pharmapraktiker/in EBA ist die abgeschlossene Volksschule. Zu den wichtigsten Anforderungen gehören neben Interesse an chemischen und physikalischen Prozessen eine gewisse technische Affinität sowie Zuverlässigkeit und eine robuste Gesundheit.

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