Wenn das Zinn schreit

7 18. Mai 2016 / Posted von Drucken

Täglich entsorgen hunderte von Geschäftskunden und Privatpersonen ihren Abfall im Recyclinghof Hagenholz. Dort werden die Materialien von Recyclisten und Recyclistinnen für die Wiederaufbereitung sortiert. An einem Seitenwechsel-Schnuppertag erhielt der Autor Einblick in die städtische Abfallwirtschaft.

von Roland Signer

Es weht mir ein kalter Wind entgegen, als ich an diesem grauen Novembermorgen den Recyclinghof Hagenholz betrete. Meine Arbeitskollegen scheinen auf die tiefen Temperaturen besser vorbereitet zu sein als ich. Sie tragen dicke, gepolsterte Jacken, unter denen die bis oben zugezogenen Rollkragenpullover zu sehen sind. Kein Wunder können sie die Situation besser einschätzen, schliesslich arbeiten sie täglich hier. Ich hingegen absolviere „nur“ einen Seitenwechsel. Das heisst ich schnuppere für einen Tag in ihrem Beruf.

Normalerweise arbeite ich als Redaktor und schreibe über Berufe. Ich erstelle Informationen, die Jugendlichen und Erwachsenen verschiedene Aus- und Weiterbildungen näher bringen sollen. Ich recherchiere somit jeweils über einen Beruf und stelle mir vor, wie es ist, diesen auszuüben. Um sicherzugehen, dass meine Schilderungen den Tatsachen entsprechen, lasse ich die Texte von den Berufsverbänden gegenlesen. Ich kenne die meisten Berufe somit nur vom Hörensagen. Das soll sich an diesem Tag, zumindest in einem Fall, ändern – und ich möchte mir einen Beruf in meinem Zuständigkeitsbereich einmal genauer anschauen: Recyclist/in EFZ.

Im Rahmen des Weiterbildungsprogramms «Seitenwechsel» absolvieren Mitarbeitende des Laufbahnzentrums ein- oder mehrtägige Arbeitseinsätze oder Einblick-Tage bei selbst gewählten Arbeitgebern. Dieser Perspektivenwechsel gibt ihnen Gelegenheit, ihr Wissen über eine Branche und deren Berufe zu erweitern und das Bild, das sie von der beruflichen Praxis haben, zu aktualisieren.

Nun stehe ich also im Hagenholz, das neben dem Recyclinghof auch ein Kehrrichtheizkraftwerk, eine Sonderabfall- sowie eine Tierkörpersammelstelle beherbergt. Bevor ich meine Arbeit beginne, werde ich mit Handschuhen und Schutzbrille ausgerüstet und meinen Mitarbeitenden für diesen Tag, sowie Michi, meinem Betreuer, vorgestellt. Ihm darf ich heute bei seiner Arbeit zur Seite stehen.

Im Recyclinghof können Privatpersonen oder Geschäftskunden die Materialien, die sie nicht mehr brauchen gegen einen entsprechenden Preis entsorgen. Dazu gehören zum Beispiel Elektrogeräte, Sperrgut, Steingut, Metall, Glas, PET sowie Papier und sonstiger Kehricht. Für jede Abfallgruppe gibt es eigene Sammelbehälter. Ich bin beeindruckt, was hier alles getrennt und für den Weitertransport bereitgestellt wird. Es gibt sogar eine Ecke, wo Einkaufswagen gesammelt und den Supermärkten zurückgegeben werden.

Diese Materialien werden von der Kundschaft mit dem Auto in die Halle transportiert. Die Aufgabe der Recyclisten und Recyclistinnen besteht darin, den Personen zu erklären, wo sie was entsorgen können. Sie sind somit in erster Linie Dienstleister und Dienstleisterinnen. Michi verkörpert dies perfekt. Freundlich fragt er die eintreffenden Kunden, was sie zu entsorgen haben und erteilt Anweisungen, wo was hingehört. Ich bin erstaunt, wie gut gelaunt die Besucher diese Arbeiten ausführen. Es scheint, als ob sie sich freuen, den Plunder, der sich im Lauf der Zeit angesammelt hat, loszuwerden. Wie bei jedem Unternehmen gibt es auch hier eine Stammkundschaft. Dazu gehören die Mitarbeitenden der Brockenstube, die beinahe täglich hier vorbei schauen und bestens Bescheid wissen, wo sie die Sachen hinbringen müssen.

In den Stosszeiten kann es sehr hektisch werden und es kommt vor, dass sich die Autos über das ganze Gelände aneinanderreihen. Trotzdem behalten die Mitarbeitenden Ruhe und Übersicht. Wie die Trainer einer Sportmannschaft delegieren sie die Aufgaben, geben gezielte Anweisungen und sorgen dadurch für den reibungslosen Ablauf des Geschehens. Falls doch einmal etwas im falschen Behälter landet, bringen sie es an den richtigen Ort. Während ich immer noch zu verstehen versuche, nach welchen Kriterien die Sortierung abläuft, sehe ich plötzlich einen Bekannten, der mit seinem Firmenbus vorgefahren ist. Ich helfe meinem Kollegen beim Ausladen und Entsorgen seiner Waren und halte einen kurzen Schwatz.

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Die Arbeit ist anstrengend. Man ist den ganzen Tag auf den Beinen, trägt Dinge von einem Ort zum anderen und ist Hitze und Kälte ausgesetzt. Meinen Arbeitskollegen scheint das alles nichts mehr anhaben zu können, ihre Körper haben sich mittlerweile an das lange stehen gewöhnt. Ausserdem haben sie sich warm angezogen und ihren Energiehaushalt im Griff. So staune ich nicht schlecht, als zwei meiner Kollegen in der Zehn-Uhr-Pause bereits eine ganze Portion Hörnli mit Fleischbällchen verspeisen. Diese Essgewohnheit ist jedoch auch darauf zurückzuführen, dass die Herren am Mittag gerne ein Nickerchen in der Ruhezone des frisch renovierten Gebäudes halten.

Am Nachmittag lerne ich die verschiedenen Metallsorten wie Zinn, Zink, Kupfer, Aluminium, Chrom, Messing, Stahl und Blei kennen und helfe bei der Sortierung des Altmetalls mit. Damit man die Metalle gezielt zuordnen kann, prüft man Aussehen, Gewicht und magnetische Anziehung. Dabei lerne ich, dass man Zinn anhand des Klangs erkennt, den es macht, wenn man es biegt. Dieses Geräusch nennt man „Zinnschrei“.

Zusammen mit einem Unterhaltspraktiker, der im Hagenholz ein Praktikum absolviert, staple ich anschliessend alte Kühlschränke in einen Container. Unser Ziel besteht darin, den Platz optimal auszunützen. Das erinnert mich an Tetris, ein Computerspiel aus meiner Kindheit, das hier aber mit mehr Körpereinsatz verbunden ist. Zum Abschluss darf ich noch Bürostühle auseinanderschrauben und das anfallende Sperrgut – Holz und Metall – trennen. Dafür habe ich eine Schutzbrille und Handschuhe angezogen, denn man kann sich leicht an Klammern, Holzsplittern und Metallkanten verletzen. Währenddessen fährt eine Mitarbeiterin mit dem Gabelstapler umher und leert Container voller Metall in andere Container, was einen Riesenkrach verursacht.

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Zum Abschluss des Arbeitstages wische ich den Platz und bin erstaunt, wie ruhig und sauber dieser am Schluss ist. Noch vor ein paar Minuten herrschte Hochbetrieb und es hat von allen Seiten gescheppert und geklirrt, gebrummt und gedröhnt. Als ich in den Feierabend entlassen werde, merke ich erst, wie müde ich bin. Doch fühlt es sich gut an, wieder einmal körperlich anstrengende Arbeit verrichtet zu haben. Am nächsten Tag werde ich dann wieder in meinem warmen Büro sitzen und die gesammelten Erfahrungen zu Papier bringen. An detaillierten Informationen wird es mir bestimmt nicht mangeln.

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