Roboter im Coiffeursalon

14 7. September 2017 / Posted von Drucken

Die einen befürchten massenhafte Arbeitslosigkeit, weil Roboter die menschliche Arbeit übernehmen könnten. Andere gehen von neuen Arbeitsfeldern aus, die sich mit der Digitalisierung eröffnen. Wie sich die Schweizer Wirtschaft im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung entwickelt, ist nicht exakt voraussagbar. Dass sich in Bezug auf die Beschäftigung die Qualifikationsanforderungen verändern werden, ist jedoch so gut wie sicher.

von Jürg Mühlemann

Fachleute sind sich weitestgehend einig, dass die Digitalisierung die Wirtschaftsstruktur und die Beschäftigungssituation stark verändern wird. Hingegen scheiden sich die Geister, ob die Effekte des digitalen Wandels unter dem Strich positiv oder negativ ausfallen. Das hat auch damit zu tun, dass die einzelnen Technologien, die unter dem Begriff Digitalisierung zusammengefasst werden, in ganz unterschiedlichen Bereichen ihre Wirkung entfalten.

In einem fingierten Interview mit der Expertin Prof. Wecker werden hier verschiedene Aspekte der Digitalisierung thematisiert. Die Antworten der fiktiven Expertin basieren überwiegend auf einer Studie, die im Juni 2017 von der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich veröffentlicht wurde, können aber auch davon abweichen.

Stellt die Digitalisierung für die Schweizer Volkswirtschaft eine Bedrohung dar?
Prof. Wecker: Als innovativste Volkswirtschaft der Welt braucht sich die Schweiz vor der Digitalisierung nicht zu fürchten. Wir sind in der Lage, digitale Produkte und Dienstleistungen neu zu erfinden. Auf das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung wirkt sich das positiv aus. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass Innovationen vor allem dem Innovator nützen. Unternehmen mit veralteten Geschäftsmodellen sind zu teuren Umstrukturierungsmassnahmen gezwungen. Können sie diese Kosten nicht tragen, gehen sie unter. Dieser Erneuerungsprozess ist nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu erhalten und langfristiges Wachstum zu ermöglichen. Der negative Effekt der „kreativen Zerstörung“ – wie Schumpeter es nennt – sollte im Vergleich zum positiven Effekt auf Produktivität und Beschäftigung jedoch zu verschmerzen sein.

Sie sprechen die Wettbewerbsfähigkeit an. Welche Perspektiven hat die Schweiz im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung?
Angesichts der bisherigen guten Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen scheint ein positiver Effekt wahrscheinlicher als ein negativer. Zudem sollte der Einsatz von Robotern die relative Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Unternehmen erhöhen, weil damit für Schweizer Unternehmen der nachteilige Faktor Lohn reduziert wird.

Trotz allem werden Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt.
Die Digitalisierung bzw. Automatisierung wirkt sich zwar auf den Arbeitsmarkt aus, muss aber nicht zwingend zu hoher Arbeitslosigkeit führen. Es eröffnen sich damit neue Arbeitsfelder, die Beschäftigung schaffen können, vor allem in Zusammenhang mit der Wartung der Informations- und Kommunikationstechnik, der Programmierung von Software etc. Grundsätzlich eröffnen sich zahlreiche neue Bereiche für unternehmerisches Handeln. Wichtig dabei ist, dass sich Arbeitnehmende an das neue technologische Umfeld anpassen müssen, um die Dauer einer strukturellen Arbeitslosigkeit möglichst kurz zu halten. Das stellt hohe Anforderungen an Weiterbildung und lebenslanges Lernen.

Ich gehe davon aus, dass nicht alle Branchen gleichermassen vom digitalen Wandel betroffen sind. Wie stehen die Chancen für Industriebetriebe?
Unternehmen mit hohen Anlageinvestitionen sind einem Risiko ausgesetzt, weil durch die Einführung neuer Technologien ehemals wirtschaftliche Produktionsanlagen plötzlich entwertet werden können, insbesondere wenn es dafür keine alternative Verwendungsmöglichkeit gibt.

In welchen anderen Bereichen sind digitale Technologien zu erwarten?
Digitalisierungstechnologien können in fast allen Branchen zum Einsatz kommen.

Einverstanden, mit dem Smartphone lassen sich fremde Wohnungen für den Ferienaufenthalt buchen oder Privatchauffeure bestellen. Die Post testet nun selbstfahrende Lieferroboter und Google misst neuerdings die Kohlenmonoxidwerte in unserer Wohnung. Aber für den Hausbau oder das Haareschneiden sind wohl nach wie vor menschliche Arbeitskräfte erforderlich.
Die ETH hat bereits erfolgreich Roboter und 3D-Drucker getestet, die Häuser bauen. Handarbeit ist zwar immer noch nötig, aber die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine wird laufend optimiert. Was den Transport von Gütern angeht, könnten in Zukunft selbstfahrende Lastwagen die Aufgabe übernehmen. Von den sinkenden Transportkosten würden Branchen profitieren, die auf die Lieferung von Waren per Lastwagen angewiesen sind.

Braucht es also bald keine Lastwagenfahrer mehr?
Bis es soweit ist, dass Lastwagen ohne Chauffeur herumfahren, dauert es noch eine Weile. Wenn es dann soweit sein sollte, ist damit zu rechnen, dass sich der Aufgabenschwerpunkt für die betreffenden Fachleute – die Strassentranstportfachleute – verschiebt. Mittelfristig rechnet der Schweizerische Nutzfahrzeugverband aber mit einem massiven Mangel an Lastwagenfahrern und -fahrerinnen, was mit den gestiegenen Anforderungen zusammenhängt.

Wie sieht es mit der Laufbahnberatung aus, könnte in einigen Jahren ein Roboter das Beratungsgespräch übernehmen?
Noch geht man davon aus, dass Arbeitsbereiche, in denen die Leistungserbringung Kreativität oder emotional-soziale Interaktivität voraussetzt, auch in absehbarer Zukunft nicht an künstliche Intelligenzen übertragen werden können. In allen anderen Bereichen besteht ein mehr oder weniger grosses Potenzial für effizienzsteigernde Einsatzmöglichkeiten neuer digitaler Technologien.

Lieber Leser, liebe Leserin, was sind Ihre Erwartungen, Hoffnungen und Ängste in Bezug auf die Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation? Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Welche neben den bereits erwähnten Tätigkeiten, die bisher von Menschen ausgeführt wurden, können durch Roboter, Maschinen und Programme erledigt werden?
Bisher waren vor allem Tätigkeiten betroffen, die einen hohen Grad an Routine aufweisen, zum Beispiel einfache Bürotätigkeiten am Computer wie das Erfassen von Daten. Zunehmend könnten aber auch komplexere Aufgabenbereiche von Computerprogrammen übernommen werden, etwa die Personalauswahl oder zumindest die Vorauswahl. Studien deuten darauf hin, dass Computerprogramme möglicherweise schon bald in der Lage sind, in vielen Situationen bessere Auswahlentscheidungen zu treffen als Menschen.

Hand- und Kopfarbeit werden also durch Roboter oder Computerprogramme ersetzt und es können Arbeitsplätze verloren gehen. Kann sich die Digitalisierung noch anderweitig auf die Beschäftigung auswirken?
Wenn zum Beispiel, wie es im Übernachtungsgeschäft (Airbnb) der Fall ist, ehemals kommerzielle Dienstleistungen in den quasi-privaten Bereich verlagert werden, hat dies sicher einen Beschäftigungseffekt. Möglicherweise leiden Hotels unter einem Rückgang der Übernachtungszahlen und müssen Personal abbauen. Gleichzeitig sind mit dem Community-Marktplatz nicht nur ein neuer Markt, sondern auch neue Einsatz- und Aufgabenbereiche entstanden. Davon sind im Zuge der Digitalisierung noch viele zu erwarten.

Wie bereiten wir uns am besten auf die Konsequenzen der Digitalisierung bzw. Automatisierung vor?
Es gibt ja auch Experten und Expertinnen, die massenhafte Arbeitslosigkeit erwarten, weil Maschinen fast sämtliche menschliche Arbeit übernehmen könnten. Viele Tätigkeiten sind aber aus heutiger Sicht nicht vollständig automatisierbar. Wie bereits erwähnt, entstehen mit Automatisierungen immer auch neue Tätigkeitsfelder. Was sich verändern wird, sind die Qualifikationsanforderungen. Darauf kann der Arbeitsmarkt kurzfristig nur ungenügend reagieren.

Bildquelle: Schweizerische Post

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