Quereinsteiger bewähren sich in der Pflege

9 19. Februar 2018 / Posted von Drucken

Die Pflegezentren der Stadt Zürich finden zu wenige diplomierte Pflegefachleute, deshalb bieten sie Quereinsteigern eine Ausbildung bei gutem Lohn an. Die Berufsumsteiger sind dank der Berufs- und Lebenserfahrung für die Alterszentren ein Gewinn.

von Marco Graf

Yves Brandenberger ist ein Quereinsteiger. Im Februar 2017 begann der 43-Jährige die Ausbildung zum diplomierten Pflegefachmann HF. Vor kurzem war er noch Journalist und Fernsehmoderator, der Prominente interviewte. Jetzt trägt er die Uniform eines Pflegefachmanns und erkundigt sich gerade bei einer Patientin nach ihrem Befinden. Dann füllt der grosse, bärtige Mann die Waschmaschine mit den gebrauchten Nachttöpfen. Er nimmt eine kleine Plastik-Flasche vom Gürtel und desinfiziert sich die Hände. «Desinfizieren ist viel effektiver, als sich die Hände zu waschen», erklärt er der Physiotherapeutin, die vorbeikommt. Die Fachfrau widerspricht: «Nein, nein, Hände waschen ist sehr wichtig und das ständige Desinfizieren greift die Haut an.» Ob er die interne Hygieneschule schon besucht habe, will sie vom Berufsumsteiger wissen. «Nein», antwortet dieser, er habe erst sechs Monate Schule und vier Wochen Praktikum hinter sich, er sei noch neu im Entlisberg. Yves Brandenberger ist einer von gut 80 Berufsleuten, die dieses Jahr den Quereinstieg in einem Pflegezentrum der Stadt Zürich begonnen haben. Im Wechsel von Schule und Praktika auf verschiedenen Abteilungen im Entlisberg wird er in drei Jahren die höhere Fachschule mit dem Diplom als Pflegefachmann abschliessen. Während der Ausbildung verdient er bereits im ersten Jahr 4000 Franken, im dritten Jahr 4600 Franken. Als Gegenleistung verpflichtet er sich, nach dem Abschluss zwei Jahre beim Pflegezentrum zu arbeiten.

Steigender Bedarf an hoch qualifiziertem Personal
Die Pflegezentren der Stadt Zürich haben seit Jahren Mühe, diplomierte Mitarbeiter zu finden. Gemäss dem nationalen Versorgungsbericht für die Gesundheitsberufe 2016 bildet die Schweiz nur 43 Prozent des Bedarfs an diplomierten Pflegefachleuten aus. Auf der tieferen Stufe der Berufslehre hingegen hat sich die Situation in den letzten Jahren markant verbessert. Fachfrau oder Fachmann Gesundheit EFZ ist zu einem der beliebtesten Lehrberufe geworden. Inzwischen wählen diese Grundbildung deutlich mehr junge Menschen als es Ausbildungsplätze gibt. Mittelfristig wird sich die Situation in der Pflege verbessern, denn viele der Fachleute Gesundheit werden sich weiter qualifizieren. Da jedoch die Bevölkerung immer älter wird, steigt der Bedarf an hoch qualifiziertem Personal weiter an. Die Schweiz wird deshalb den Kodex der WHO, auf Abwerbung von Pflegepersonal im Ausland zu verzichten, noch auf Jahre hinaus nicht einhalten können. Peter Lehmann, Leiter Ausbildung der städtischen Pflegezentren, hat vor fünf Jahren mit der Rekrutierung von Quereinsteigern für die Langzeitpflege begonnen. Er sagt: «Diese Idee ist nicht neu. Schon vor 20, 30 Jahren haben die Psychiatrie-Pflegeschulen ältere Personen ausgebildet. Denn Leute mit einer Ausbildung und mit Berufserfahrung sind stabile Persönlichkeiten, die man nicht mehr formen muss, sondern ausbilden kann.»

Vom Fernsehmoderator zum Pfleger
Yves Brandenberger ist so ein typischer Quereinsteiger. Er lernte Kaufmann, war Journalist und moderierte beim Schweizer Fernsehen Unterhaltungssendungen. Er hat zwar interne Weiterbildungen besucht, aber nie ein anerkanntes Diplom im Journalismus erworben. Brandenberger wird arbeitslos und merkt, dass es ohne Diplome schwierig ist, bei den Medien wieder eine Stelle zu finden, trotz der langen Berufserfahrung. Er macht sich auf die Suche nach einem Beruf, der mehr Sicherheit bietet, und den er bis zur Pensionierung ausüben kann. Er erkundigt sich über Pflegeberufe und erfährt eher zufällig vom Angebot für Quereinsteiger. Er diskutiert seinen Berufswunsch mit Freunden, besucht Informationsveranstaltungen, absolviert ein Praktikum und besteht die Aufnahmeverfahren der Schule und des Pflegeheims. Um auch körperlich für die Pflege fit zu sein, geht er über Monate ins Krafttraining. «Ich wollte nicht, dass mir nach der ersten Stunde schon alles weh tut», meint er lachend.

Gesucht: Quereinsteiger
Noch sei das Angebot für Quereinsteiger zu wenig bekannt, sagt Peter Lehmann. Er organisiert deshalb für die Pflegezentren mehrere Informationsveranstaltungen pro Jahr. 2017 konnte er 80 Berufsumsteiger gewinnen und hat damit das Soll von 90 Auszubildenden nicht ganz erreicht. Bis 2025 wird er 184 Quereinsteiger pro Jahr rekrutieren müssen. Lehmann sucht auch den Kontakt zu den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV, um Erwerbslose für die Ausbildung zu gewinnen. Gemeinsam mit dem RAV Staffelstrasse in Zürich organisiert er Stellenbörsen für Quereinsteiger. Ernst Gerber, Personalberater beim RAV Staffelstrasse, sagt: «Ich bin froh, dass ich Stellensuchenden berufliche Alternativen aufzeigen kann.» Denn es gebe Berufe, in denen es schwierig sei, eine passende Stelle zu finden, erklärt Gerber.

Pflege statt Verkauf
Doreen Hartmann, arbeitslos, 37 Jahre alt und Mutter eines Teenagers, kommt aus dem Detailhandel. Die ausgebildete Bürokauffrau arbeitete zehn Jahre im Verkauf. Als ihr Vater im Sterben liegt, pflegt sie ihn die letzten drei Wochen bis zu seinem Tod. Danach will sie nicht mehr im Verkauf arbeiten, sie möchte in die Pflege einsteigen. Sie bewirbt sich beim Pflegezentrum Mattenhof in Zürich, besteht alle Aufnahmetests und bekommt kurz vor Ausbildungsbeginn doch eine Absage von der Pflegefachschule. Ihre Vorbildung von zweieinhalb Jahren als Bürokauffrau reicht nicht. Es braucht eine dreijährige Grundbildung für die Zulassung zur höheren Fachschule. Im Mattenhof schafft man für sie deshalb eine Lehrstelle als Fachfrau Gesundheit. Weil sie keine anerkannte Grundbildung hat und über 30 Jahre alt ist, bekommt sie Ausbildungszuschüsse vom RAV. Das ist nicht ganz so viel Lohn wie als Pflegefachfrau in Ausbildung, aber es reicht zum Leben. Nach ein paar Wochen ärgert sich Doreen Hartmann nicht mehr, dass sie die Lehre macht und nicht die höhere Fachschule. Ihre Familie hat sich rasch daran gewöhnt, dass sie in einer Ausbildung steht. «Meine Tochter findet es lustig, dass wir zusammen am Tisch sitzen und Hausaufgaben machen. Wenn ich eine Prüfung habe, fragt sie jetzt mich ab», erzählt sie.

Hohe Motivation vs. Lernwiderstand
«Die Berufsumsteiger bewähren sich, nur etwa zwei pro Jahr brechen die Ausbildung ab», sagt Peter Lehmann. Denn es seien Menschen mit Lebens- und Berufserfahrung, die Verantwortung übernehmen und hoch motiviert seien. Aber gerade deshalb haben sie manchmal zu Beginn der Ausbildung mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Lehmann nennt dieses Phänomen Lernwiderstand. Quereinsteiger meinen aufgrund ihrer Erfahrung oft zu wissen, wie die Arbeit getan werden muss. Wieder Lernende zu sein fällt vielen Berufsumsteigern schwer. Sie fragen nicht nach, weil sie meinen, es schon zu können, oder sie stellen keine Fragen, weil sie glauben, etwas schon können zu müssen. Die Quereinsteiger studieren zusammen mit Fachangestellten Gesundheit, die bereits eine dreijährige Lehre im Gesundheitswesen und Berufserfahrung in der Pflege haben. Das kann sie ziemlich unter Druck setzen, und sie müssen zusätzliche Übungssequenzen einschieben und schneller lernen. Einige unterschätzen auch die Anforderungen in der Schule. Weil sie schon gut ausgebildet sind, meinen sie, die Ausbildung werde ihnen leichtfallen. Aber Fächer wie Anatomie oder Pathophysiologie, die Lehre von krankhaften Vorgängen und Funktionsstörungen, müssen einfach auswendig gelernt werden.

Stabilität dank Lebenserfahrung
Für Doreen Hartmann und Yves Brandenberger ist es gut, dass sie die Ausbildung erst jetzt begonnen haben. Macht ein Bewohner anzügliche Bemerkungen, kann Doreen Hartmann das locker kontern und wegstecken. Das belaste sie kein bisschen, während sie mit 15 oder 16 sicher nicht so gelassen reagiert hätte. Yves Brandenberger glaubt nicht, dass er diese Arbeit mit 20 hätte machen können. Jemanden zu waschen, einem erwachsenen Menschen die Einlagen zu wechseln, damit habe er heute hingegen keine Mühe. Brandenberger sieht vieles, was er aus seiner Berufserfahrung als Journalist in die Pflege einbringen kann. Er habe gelernt, schnell und einfach Kontakt zu anderen Menschen zu finden. Das komme ihm jetzt zugute, denn nicht immer sei es einfach, zu einem dementen Bewohner eine Beziehung aufzubauen.

Nähe und Distanz
Im Pflegezentrum Entlisberg ist der Blick aus den grossen, dunkel gerahmten Fenstern auf Zürichsee und Uetliberg spektakulär. Die Aussicht wirkt wie ein Gemälde, wie ein Ausblick auf ein früheres Leben, als die Bewohner des Heims sich noch draussen in der Welt bewegten. Innen auf der Station geht es um die grundlegenden Dinge des Lebens: Um Gesundheit und Krankheit. Um die Beziehungen, die nach einem langen Leben noch übriggeblieben sind, und um Sterben und Tod. Unter den Studierenden, meint Yves Brandenberger, werden die Themen Nähe und Tod am intensivsten diskutiert. Wenn sie einen Menschen über Jahre pflegen und dieser Mensch dann stirbt, wie werden sie damit umgehen, fragen sich die Studierenden. Wie viel Nähe soll man zulassen? Für Brandenberger ist das ein schmaler Grat. Er möchte nicht zu viel Nähe, damit es ihn nicht umhaut, wenn jemand stirbt. Aber zu viel Distanz könne die Pflege negativ beeinflussen, weil man vielleicht das eine Wort zu wenig spricht, dass für eine gute Pflege nötig wäre.

Abschied nehmen
Im Pflegeheim Mattenhof, wo Doreen Hartmann arbeitet, liegt beim Eingang ein aufgeschlagenes Buch. Auf der offenen Seite stehen die Namen der Bewohner, die in den vergangenen Tagen gestorben sind. Doreen Hartmann fürchtet sich vor dem Tag, an dem einer ihrer Bewohner stirbt. «Ich habe schon alle ins Herz geschlossen, einige Bewohner noch ein kleines bisschen mehr als andere», sagt sie. Sie müsse für sich vielleicht noch die Grenze finden, dass sie die Menschen nicht ganz so nahe an sich heranlasse. Weil es in der Pflege diese belastenden Ereignisse gibt, schickt Peter Lehmann alle Kandidaten vor Ausbildungsbeginn zu einem Abklärungsgespräch bei einem Psychiater. «Wir wollen stabile Leute, bei denen die Balance im Leben stimmt», meint Lehmann.

Für die Pflegezentren der Stadt Zürich sind die Berufsumsteiger eine wichtige Zielgruppe geworden. Peter Lehmann wird aber auch die nächsten fünf bis zehn Jahre Werbung für die Ausbildung zum Pflegefachmann und zur Pflegefachfrau HF machen, damit er seine Sollzahlen erfüllen kann.

Marco Graf ist Berufs-, Studien- und Laufbahnberater im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. Vor kurzem hat er an der Freien Journalistenschule in Berlin erfolgreich ein Fernstudium in Journalismus abgeschlossen.

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