Powercoders: IT-Kurs als Flucht nach vorn

5 9. August 2017 / Posted von Drucken

Powercoders ist ein Intensivkurs und unterstützt IT-affine Flüchtlinge bei der Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt. Nach der erfolgreichen Premiere in Bern startet demnächst der zweite Kurs in Zürich.

von Michael Milz

Auch unter Flüchtlingen gibt es viele mit einer hohen beruflichen Qualifizierung. Wegen mangelnder Integrationsmassnahmen in den Arbeitsmarkt verrichten sie allerdings oft – wenn überhaupt – niederschwellige und ihrer eigentlichen Ausbildung keineswegs entsprechende Arbeiten: Sie machen Hilfsjobs, obwohl sie ausgebildete Ärztinnen, Ingenieure oder IT-Fachleute sind. Das Projekt Powercoders, ein dreimonatiger Intensivkurs für IT-affine Flüchtlinge, holt diese ab und will ihnen den Weg in den hiesigen ersten Arbeitsmarkt ebnen. Bereits während des Kurses wird versucht, für die Teilnehmenden einen Anschluss nach dem Abschluss des Kurses zu finden, sprich: eine Praktikumsstelle.

Erfolgreicher Pilot
Das Pilotprojekt hat von Januar bis März in Bern stattgefunden und war ein voller Erfolg. Entsprechend begeistert berichtet Sunita Asnani, verantwortlich für die soziale Leitung bei Powercoders: «Wir wurden schon im Vorfeld mit Anmeldungen und Bewerbungen überrannt», erzählt sie. Schliesslich wurden aus den 140 Bewerbungen 15 Teilnehmende ausgewählt. Doch nicht nur auf Seiten der Flüchtlinge stiess das Projekt auf grosses Interesse. «Wir hatten 35 Lehrer, die freiwillig gekommen sind», so Asnani. Zudem hatte sie 30 Bewerbungen für Mentoren, obwohl sie nur 15 brauchte. Im September startet nun der zweite Kurs, diesmal in Zürich. Ein paar der 20 Kursplätze sind noch frei.

Nicht nur für Nerds
Für den Kurs bewerben können sich nicht nur ausgewiesene IT-Spezialisten. Grundvoraussetzung sind neben einer gewissen Affinität zur Materie gute Englischkenntnisse, weil der Kurs in englischer Sprache durchgeführt wird. Das Bewerbungsprozedere ist mit einer üblichen Bewerbung vergleichbar: Interessierte füllen auf der Powercoders-Website ein Formular aus, laden ihr CV hoch und werden je nachdem zu einem IT-Test eingeladen. «Dieser Test ist zwar nicht besonders schwierig», sagt Sunita Asnani, «aber es geht eben auch darum herauszufinden, wie die Kandidatinnen und Kandidaten mit Herausforderungen umgehen und wie sie ein Problem bewältigen.» Mit anderen Worten: Wie lernfähig sind sie, wie erfindungsreich – und warten sie einfach auf Hilfe oder fragen sie selbst nach? Schliesslich führt Asnani noch ein persönliches Gespräch, in dem es auch um soziale und menschliche Aspekte geht, etwa wie zuverlässig und integer die Bewerberin oder der Bewerber ist.

Grundkenntnisse in Frontend
Die Idee des Kurses ist, den Teilnehmenden Grundkenntnisse von Frontend Development (HTML, CSS und JavaScript) zu vermitteln. Dies geschieht einerseits in einem gemeinsamen Unterricht, der jeweils am Vormittag stattfindet; andererseits werden die Kenntnisse und das Gelernte am Nachmittag in Projekten vertieft und angewendet.

Der Kurs ist ein erster grundlegender Schritt zur Integration in den ersten Arbeitsmarkt und soll nicht für sich alleine stehen. Bereits im Verlauf des Kurses findet ein Matching zwischen den Teilnehmenden und Firmen statt, die Praktikumsplätze vergeben. Je nach Praktikum beginnt dann eine entsprechende Spezialisierung, zum Beispiel auf eine bestimmte Programmiersprache.

Gute Chancen auf ein Praktikum
Die Suche nach einem Praktikumsplatz gehört ebenso zum Projekt wie der dreimonatige Kurs. «Eine Garantie für einen Praktikumsplatz können wir natürlich nicht geben», sagt Sunita Asnani. Allerdings stünden die Chancen recht gut. «Beim Pilotprojekt in Bern hatten wir 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und konnten 16 Praktika vermitteln», sagt sie und erklärt, dass der zusätzliche Praktikumsplatz gleich noch an den Bruder eines Teilnehmenden vergeben werden konnte. «Auf der einen Seite ist es sicher im Interesse der Firmen, die besten Leute zu gewinnen», so Asnani, «auf der anderen Seite spielen zweifellos auch soziale Überlegungen eine Rolle.»

Wie gut der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt – also eine Festanstellung – dann klappt, kann Sunita Asnani noch nicht sagen. Es zeichneten sich aber bereits erste Erfolge bei den Absolventinnen und Absolventen (elf Männer und vier Frauen aus acht Nationen) des Pilotprojekts von Anfang Jahr ab: «Ein Teilnehmer hat tatsächlich eine Festanstellung gefunden, bei zweien ist bereits klar, dass sie eine Lehrstelle als Informatiker/in EFZ bekommen werden, und zwei weitere beginnen ein Uni- oder FH-Studium.»

Längerfristige Engagements als Ziel
Finanziert wird das Projekt Powercoders vorerst auf privater Basis: Beim Pilot in Bern übernahmen Migros Kulturprozent und die Raiffeisen den Hauptteil, ein kleiner Teil kam via Crowdfunding zusammen. Für die Kosten des Powercoders-Kurses in Zürich kommt die Arcas Foundation auf. Über kurz oder lang soll das Projekt dann aber auch durch die öffentliche Hand teilfinanziert werden. Derzeit fänden Gespräche mit dem Staatssekretariat für Migration SEM statt, sagt Asnani. Das Ziel sei vorerst eine Teilfinanzierung des Projektes durch den Bund, später durch die Kantone – den anderen Teil würde die Privatwirtschaft übernehmen. «Weil das ganze Projekt längerfristig angelegt ist, wünschen wir uns natürlich auch längerfristige Engagements, damit wir nicht immer neu verhandeln müssen», so Asnani. Die Vision der Powercoders sei es, die Kurse alle paar Jahre alternierend in verschiedenen Städten in der Schweiz durchzuführen.

Im September startet der zweite Powercoders-Kurs, diesmal in Zürich. Der Kurs richtet sich in erster Linie an Flüchtlinge (Flüchtlingsstatus B oder F). Weil der Kurs in englischer Sprache durchgeführt wird, müssen sie sich auf Englisch verständigen können. Powercoders ist kostenlos und findet jeweils von Montag bis Freitag statt. Es hat noch freie Plätze. Interessierte bewerben sich bis Ende August auf www.powercoders.org.

 

1 Kommentar

  • Kurt Kammermann 17. August 2017 - 8:44 Antworten

    Ich hatte das Vorrecht, beim Pilot in Bern, einer der Mentoren gewesen zu sein. Ich bin zudem überglücklich und auch etwas stolz darüber, dass mein Mentee nun eine Festanstellung im ersten Arbeitsmarkt erhalten durfte.
    Nur Mut, auch in Zürich werden die Powercoders auf den Erfolg ihres Anliegens stossen.

  • Hinterlasse einen Kommentar

    Spam- Schutz *