Nach der Karriere ist vor der Karriere

10 31. Mai 2017 / Posted von Drucken

An einer Fachtagung ging das Institut für Angewandte Psychologie IAP Frage nach, ob und wie ehemaligen Spitzensportlern der Übergang ins Berufsleben gelingt. Mit Daniela Torre, Andreas Küttel und Marc Schreiber referierten drei ehemalige Spitzensportler, die das Thema nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch aus ihrer aktuellen beruflichen Tätigkeit kennen.

von Michael Milz

Die ehemalige Synchronschwimmerin Daniela Torre ist mittlerweile für Swiss Olympic im Bereich Karrieresupport tätig. Sie zeigte, wie der Support von ehemaligen Athleten beim schweizerischen Olympischen Verband funktioniert. Dieser findet auf mehreren Ebenen statt. Einerseits gibt es einen Support für Sportverbände, andererseits auch einen gezielten Athleten- und Karrieresupport, bei dem Netzwerk und Beratung im Vordergrund stehen: Athletinnen und Athleten bekommen Unterstützung bei der Vereinbarung von Spitzensport und Studium oder bei der Suche nach leistungssportfreundlichen Lehrbetrieben.

Hoher Anteil an Sek-II-Abschlüssen
Es gibt zwar (noch) keine systematische Erfassung von Laufbahnen, aufgrund diverser Erhebungen und Studien lassen sich dennoch Aussagen machen. Eine Befragung hat ergeben, dass 96% der Sportlerinnen und Sportler zum Zeitpunkt ihres Karriereendes einen Sek-II-Abschluss hatten. Knapp acht Jahre nach dem Karriereende lag der Wert bereits bei 99%. Zum gleichen Zeitpunkt verfügten 70% zudem über einen Abschluss auf Tertiärniveau.

In ihrer beruflichen Haupttätigkeit nach der Sportkarriere arbeiten rund 30% im Berufsfeld 17 (Wirtschaft und Verwaltung) und je 10% in den Feldern 5 (Schönheit und Sport) und 22 (Bildung und Soziales). Der Bezug zum Sport bleibt einigen auch nach dem Karriereende, allerdings eher nebenberuflich oder ehrenamtlich als Trainer oder in einer Verbandstätigkeit.

Freiwilliger Rücktritt, gelungener Neustart
Einen anderen Ansatz verfolgte der ehemalige Skisprung-Weltmeister Andreas Küttel, der Auszüge aus seiner Dissertation «Karrierenübergang ins Leben nach dem Spitzensport – ein Vergleich ehemaliger Spitzensportler aus der Schweiz, Dänemark und Polen» vorstellte.

Küttel verglich die Situation in den drei Ländern – einerseits indem er ehemalige Athletinnen und Athleten befragte und andererseits Interviews mit Experten der jeweiligen Dual-Career-Systeme (Sport- und Berufslaufbahn) in den Ländern führte.

Für die Situation in der Schweiz zeigte sich im Vergleich mit Dänemark und Polen, dass das Einkommen durch den Sport geringer, dafür aber die Arbeitserfahrung vor der Sportkarriere höher ist. Für einen möglichst gelungenen Übergang hilfreich sind verschiedene Faktoren, hauptsächlich aber ein freiwilliger Rücktritt und damit eine positive Wahrnehmung des Karriereendes.

Grosse Unterschiede zwischen den Ländern
Die meisten Athletinnen und Athleten meisterten den Übergang gut, Unterschiede waren meist individueller Natur. Auffallend ist, dass in der Schweiz und Dänemark rund ein Drittel der ehemaligen Spitzensportler in ihrem Beruf weiterhin mit Sport zu tun haben, während es in Polen drei Viertel sind. Ausgehend von seinen Befunden formulierte Küttel schliesslich mehrere Empfehlungen für die Laufbahnberatung von ehemaligen Spitzensportlern:

  • Athleten auf vorhersehbare und unvorhersehbare Übergänge vorbereiten, die im Lauf einer (Sport-)Karriere auftreten
  • Athleten in den verschiedenen Lebensbereichen unterstützen
  • Athleten und deren persönliche Sichtweise und Auffassungen einbeziehen sowie deren Ressourcen und Barrieren ausloten
  • Athleten in deren Ausbildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten unterstützen, die innerhalb und ausserhalb des Sports anwendbar sind
  • Athleten dabei unterstützen, sich im gegebenen System, der Kultur und den Eigenheiten des Landes zurechtzufinden

Narratives Verfahren …
Marc Schreiber schliesslich, ehemaliger Tischtennis-Nationalspieler und heute Berufs-, Studien- und Laufbahnberater am IAP, stellte eine individuelle und ganzheitliche Beratungsmethode vor, die auf Savickas‘ Theorie der Laufbahnkonstruktion (Career Construction Theory) beruht. Grundlage dafür ist ein Interview mit fünf einfachen Fragen nach Vorbildern als Kind, Lieblingszeitschriften, dem Lieblingsbuch, einem Lebensmotto und der frühesten Kindheitserinnerung. Die Antworten aus diesem narrativen Verfahren ermöglichen den Beratenden entsprechende Rückschlüsse auf die Eigenschaften und Interessen, Ressourcen und zentralen Lebensthemen der Klienten sowie das weitere Vorgehen zu ziehen. Daraus schliesslich können Ideen für die konkrete Umsetzung entwickelt werden.

… das positiv aufgenommen wird
Aussagekräftige Zahlen über die Wirksamkeit der Methode bei ehemaligen Spitzensportlern existieren zwar noch nicht; eine erste Stichprobe (n=5) allerdings legt den Schluss nahe, dass die Beratungsmethode bei dieser Zielgruppe sehr positiv aufgenommen wird. Alle Befragten hätten sich zumindest «auf den Weg gemacht» und nur eine Person fand keinen Nutzen am gesamtheitlichen Ansatz der Methode. 2 von 5 Personen hatten nach diesem Prozess klarere Vorstellungen über ihre berufliche Zukunft. Hilfreich war die Methode vor allem in Hinblick auf Selbstreflexion und Selbsterkenntnis, sie sorgte für mehr Klarheit und Selbstverstrauen und ermutigte die Teilnehmenden.

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