Man arbeitet daran, dass andere Spass haben

9 10. November 2016 / Posted von Drucken

Der Besuch im Toni-Areal bei Mela Kocher und René Bauer gewährt einen Einblick in die Tätigkeiten eines noch jungen Berufs: Game-Designer/in. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin und der Leiter der MA-Vertiefung Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK erklären, was man in einem Studium dieser Fachrichtung lernt, welche Arten von Games es gibt und warum Game Design so attraktiv ist.

von Monika Palek

Was lernen die Studierenden der Fachrichtung Game Design?
MELA KOCHER Game Design ist eine generalistische Ausbildung. Sie beinhaltet verschiedene Bereiche wie Konzept, Gestaltung, Technologie, Gamekultur, Gamebusiness …

RENÉ BAUER Die Studierenden lernen alles, was es braucht, um ein Game herzustellen. Ein Game besteht grundsätzlich aus vier Hauptkomponenten: den Regeln, den Visuals, der Story, in die das Game eingebettet ist, und dem Sound. Die Regeln sind eigentlich das, was bei Spielen wie «Eile mit Weile» oder «Tetris» den Spass ausmacht. Deshalb müssen auch sie designt werden.
MELA KOCHER Bei uns kann man auch ein Brettspiel gestalten, alle diese Komponenten sind darin bereits enthalten.

Ein Brettspiel? Also ganz ohne Bits und Bytes?
RENÉ BAUER Genau. Im ersten Jahr beginnen wir mit Brettspielen. Die Konzeptarbeit steht dabei im Vordergrund. Mit der Zeit kommen weitere Komponenten dazu und das Handwerk, das man benötigt, um alle Komponenten selbst zu entwickeln. Darüber hinaus gibt es Fächer, die diese Grundlagen einbetten. img_3169-002Wir diskutieren zum Beispiel über Stereotype und andere aktuelle Themen aus dem Gamekultur-Umfeld. Als Hochschule möchten wir auch ein Thinktank für Innovationen sein.

MELA KOCHER Eine Gruppe von Studierenden hat vor kurzem eine Pumpe als Eingabegerät eines Spiels entwickelt. Das Spiel ist in einem Bergwerk situiert; man pumpt und es ist anstrengend. Die Aktionen der Avatare, also der Spielfiguren, werden so in der Art und Weise reflektiert, wie das Spiel bedient wird – mit Körpereinsatz!
RENÉ BAUER Das Realisieren eines Games bedeutet also nicht nur Kopfarbeit: Am Schluss soll ein Spiel entstehen, das gesteuert, gespielt wird und erfahrbar ist.

Zurzeit liest man viel zum Thema Virtual Reality – was bedeutet die virtuelle Realität für das Game Design?
RENÉ BAUER Im Gamebereich sieht man immer wieder Neues. Es entstehen neue Möglichkeiten, die jedoch nicht das ganze Game Design umkrempeln. Wenn fünf Leute gemeinsam in einem Raum zusammen spielen wollen, wird eine virtuelle Realität vermutlich nicht so eine grosse Rolle spielen. Brettspiele gibt es ja auch weiterhin. Es kommen vielleicht weitere Arten von Spielen hinzu, die wir in unsere Forschung und in unsere Projektpalette aufnehmen. Wir arbeiten damit und beobachten, ob Game-Mechaniken und Motivationsdesign dabei gleich bleiben oder sich verändern.

MELA KOCHER Die Spielsteuerung funktioniert bei Virtual Reality ganz anders – sie muss zum Beispiel über Kopfnicken oder Gestik erfolgen.

Es gibt sehr viele unterschiedliche Games – ist das Ziel immer Spass?
RENÉ BAUER Ja! Es gibt ein breites Spektrum von Games: die sogenannten AAA-Games, das heisst die kommerziell erfolgreichen, dann die Indie-Spiele, die von kleineren Firmen produziert werden. Sie gestalten ihre Games unabhängig vom Mainstream, zum Beispiel mit alten Grafiken im Retrolook oder mit innovativen Game-Mechaniken…

MELA KOCHER … es gibt aber auch so genannte Serious und Applied Games – Spiele also mit einem Nutzen für Erziehung, Schulbildung, politische Bildung, Gesundheit, Rehabilitation usw. oder Ausstellungsgames für Museen, Artgames, Werbespiele und so weiter.
RENÉ BAUER Ein wichtiger Begriff hierzu ist die sogenannte «Gamification» oder «Gamifizierung». Es bedeutet, dass etwas mittels Game attraktiver gemacht wird, wie zum Beispiel die Steuererklärung oder Lernprogramme.

«Game Design ist auch Motivationsdesign»

Was macht denn ein Game attraktiver? Wann ist diese «Gamifizierung» gegeben?
MELA KOCHER Es gibt spielerische Sprachlernprogramme, um Vokabeln zu lernen: Du lernst dabei nicht nur Wörter, sondern erhältst Feedback und erreichst Levels: Das Lernen ist in ein Game eingebettet, das motivieren soll. Game Design ist also auch Motivationsdesign: Die Kunst, Anreiz für etwas zu erzeugen, was zu wenig von sich aus motiviert. Zum Beispiel gibt es auch eine Gamification, die aus Hausarbeit ein unterhaltsames Spiel macht …

RENÉ BAUER … oder ein Game, um ein Musikinstrument zu üben: Das Game wird mit einer Gitarre als Eingabegerät gespielt. Die Musiknoten und der Takt entsprechen jeweils einem Spiellevel.
MELA KOCHER In bestimmten Abständen saust eine Musiknote vorbei, die man im richtigen Moment abschiessen muss. Indem man sie abschiesst, spielt man die Note!
RENÉ BAUER Das Schwierige am Motivationsdesign ist, dass etwas im Moment Spass machen muss, aber auch für eine halbe Stunde und länger. Das Game muss so designt sein, dass die Motivation immer weitergeht. Ein Spiel kreiert so ein System, das immer neue Herausforderungen schafft, die man meistern kann.
MELA KOCHER Hierzu möchte ich den Begriff des «Flow» nennen: Das Ziel dabei ist, in voller Konzentration bei der jeweiligen Tätigkeit (hier also beim Spiel) zu sein. Der Flow verläuft zwischen Überforderung und Langeweile. Man sollte also nie zu überfordert, aber auch nicht so gelangweilt sein, dass man aussteigt. Das Schaffen von verschiedenen Schwierigkeitsgraden im Spiel nennt man Level Design.

Was macht Game Design eigentlich so attraktiv?
RENÉ BAUER Ich glaube, Game Design ist auf zwei Arten attraktiv. Früher haben nur Jugendliche Games gespielt, heute macht man das in jedem Alter. Ein zweiter Aspekt ist die intrinsische Motivation: Du findest die Sache an sich so spannend, dass du spielst. Allerdings darf die Tätigkeit eines Game-Designers nicht mit der des Spielens verwechselt werden. Es werden Games nach Vorgaben und für einen bestimmten Kunden hergestellt – nicht für sich selbst. Man arbeitet daran, dass andere Spass haben.

Spiegelt sich darin auch der Zeitgeist?
RENÉ BAUER Es passt in unsere Zeit, die so tut, als wäre alles Freizeit und Spiel.

MELA KOCHER Ich muss dir widersprechen! In der Schweiz wird das Spielen von vielen als Zeitverschwendung angesehen – ausser man lernt etwas dabei oder bewegt sich, wie bei Pokémon Go. In Japan ist es anders, da spielen alle.

«Ein Game ist wie ein Märchen, das dir garantiert, dass du Spass hast»

Es besteht ja schon auch die Gefahr der Sucht?
RENÉ BAUER Es stellt sich natürlich die Frage, warum es so attraktiv ist, zu spielen. Es sind einfache Welten, in denen man sich bewegt: Wenn man sich in einem Game anstrengt, wird man belohnt. Das ist in der Realität nicht so. Das Game ist wie ein Märchen, das dir garantiert, dass du Spass hast.

MELA KOCHER Und es ermächtigt dich zu Spielhandlungen, im Gegensatz zum Fernsehen, das lange Zeit gar nicht interaktiv war. Zudem ist das Spielen auch nicht mehr so einsam: Es gibt soziale Spiele, Partyspiele und man spielt auch über das Handy mit anderen.

Game Design wird seit 2004 an der ZHdK angeboten – wie hat sich die Ausbildung entwickelt?
RENÉ BAUER Die Ausbildung hat sich immer mehr in Richtung generalistische Ausbildung entwickelt. Wir versuchen den Studierenden einen möglichst umfangreichen Werkzeugkasten für ein sich schnell veränderndes Umfeld in die Hand zu geben – dies im Gegensatz zu anderen Ausbildungsstätten im Ausland, die Spezialisten ausbilden. Die Ausbildung hat sich nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ weiterentwickelt: So steigt die Anzahl der Bewerbungen kontinuierlich an.

Wahrscheinlich studierten anfangs mehr Männer als Frauen Game Design …
RENÉ BAUER Games waren tatsächlich eine Männerdomäne. Heute hat sich das total verändert – es liesse sich ein ganzer Jahrgang nur mit Frauen durchführen, so viele bewerben sich. Mehr als ein Drittel unserer Studierenden sind Frauen. Dadurch haben sich die Gruppendynamiken positiv verändert. Interessant ist auch, dass es bei den Studentinnen überhaupt kein Thema ist, dass Frauen gamen.

MELA KOCHER Die ganze Visualisierung der Geschlechter stammt zum Beispiel nur von Männern und das sieht man auch. Frauen setzen dem nun andere Perspektiven, andere Bilder gegenüber.

Welche Arbeitswerkzeuge benutzt ein Game-Designer, eine Game-Designerin heute?
RENÉ BAUER In jedem der Bereiche werden unterschiedliche Werkzeuge verwendet: Die Visuals werden mit Photoshop gestaltet, in der 3D-Modellierung arbeitet man mit Software wie Maya oder 3ds Max. Für die Programmierung verwendet man eine sogenannte Game Engine wie zum Beispiel Unity, die alle Komponenten zusammenführt.

Kann man also sagen, dass Game Design zur Hälfte Gestaltung und zur Hälfte Informatik ist?
RENÉ BAUER Für uns ist auch die Programmierung eine Gestaltung, nämlich von Code. Daher ist die gesamte Entwicklung eines Games Gestaltung. Ein Drittel unserer Studierenden kommt aus dem grafischen Bereich, ein Drittel aus dem Bereich Storytelling/Konzept und ein Drittel von der Programmierung her. Während des Studiums erlernen sie auch das Handwerk der jeweils anderen Bereiche. Das ist wichtig, um zu verstehen, was ein Spiel ist, wie es aufgebaut ist. Erst gegen Ende des Studiums spezialisieren sie sich dann auf einen Teilbereich. Denn alles zu verstehen ist die Grundvoraussetzung für eine Spezialisierung. Im dritten Semester müssen die Studierenden ein Spiel von A bis Z selbst herstellen.

Welche beruflichen Perspektiven hat ein Absolvent, eine Absolventin der Fachrichtung Game Design?
RENÉ BAUER Wenn man in der AAA-Mainstream-Industrie tätig sein möchte, muss man sich damit auseinandersetzen, eventuell ausserhalb der Schweiz zu arbeiten.

MELA KOCHER Es gibt aber bereits auch einige kleine Independent-Firmen, die Game-Designer anstellen. Von unseren Abgängern und Abgängerinnen finden viele einen Job in einem Gamebereich wie Level Design, 3D-Game-Artists, Character Design, Spielkonzeption, Edutainment oder Gamification. Der Rest ist zum Beispiel im Webdesign oder Interaction Design tätig.

 

Interessierte können sich am Infotag vom 21.-25. November 2016 an der ZHdK weiter informieren.

Die Studienbroschüre zum Download findet sich hier.

Wege zum Gamedesign: Mela Kocher und René Bauer

 

RENÉ BAUER bewegt sich schon seit über 20 Jahren in der Gamerszene. Er kommt aus der Heimcomputerszene und ist – wie er selbst sagt – mit der Branche mitgewachsen. Früher hat er auch selbst Games entwickelt, wobei ihn das Realisieren von eigenen Ideen mindestens so faszinierte wie das Spielen der Games an sich. Momentan beschäftigt er sich mit experimentellen Games und forscht auch dazu – etwa an einem Serious Game namens «Cybathlon», das über Gedanken gesteuert wird.

 

MELA KOCHER kommt aus der Forschung und hat wie René Bauer auch Literaturwissenschaften und Informatik studiert, wo sie sich im Bereich Storytelling auf den Gegenstand Spiel fokussiert und zu Adventuregames geforscht hat. Ihre Dissertation hat sie zum Thema Storytelling und Ästhetik von Games geschrieben. Im Rahmen eines Nationalfondsprojektes forschte sie in San Diego zum Thema stadtbezogene Games und Alternate Reality. Die Mischung aus akademischer und angewandter Forschung sei für sie sehr spannend, sagt Kocher. Sie programmiert selbst nicht, entwickelt aber Konzepte für die Durchführung von stadtbezogenen Spielen, zum Beispiel «Lucy», ein urbanes Spiel für internationale Studierende zur Stadterkundung.

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