Eine Juristin, die Floristin wird

10 1. Juni 2016 / Posted von Drucken

Die Juristin Regula Müller Brunner befindet sich mitten im Abschluss zur Meisterfloristin. Mit ihrem Meistertitel will sie sich nicht nur einen Traum erfüllen, sondern sich ein kreatives zweites berufliches Standbein aufbauen.

von Caterina Melliger

Regula Müller Brunner (46) lerne ich am Begrüssungsmorgen für die neuen städtischen Mitarbeitenden kennen. Sie berichtet mir von ihrer Erfahrung mit dem Laufbahnzentrum, von ihrer Tätigkeit als Juristin beim Tiefbauamt der Stadt Zürich und ihrer derzeitigen Ausbildung zur Meisterfloristin. Und ich weiss noch, wie ich mich vergewissern muss, ob ich das richtig verstanden habe: Eine Juristin, die nun Floristin wird? „Ja, ich wünsche mir einen Ausgleich zu meiner Arbeit am Bildschirm“, erklärt sie mir.

Nach diesem Morgen bleibt mir die Juristin und angehende Meisterfloristin mit ihrer aufgeschlossenen Art als Inspiration dafür in Erinnerung, einem Herzenswunsch zu folgen. Die Interviewanfrage nimmt Regula Müller Brunner ohne langes Überlegen an. Denn sie ist nicht nur Juristin, sondern auch ausgebildete Fachjournalistin und findet es spannend, für einmal selbst die interviewte Person zu sein. Als Gesprächsort wünscht sie sich der guten Erinnerungen wegen das Laufbahnzentrum.

Weiterbildung als Familienprojekt
Als Regula Müller Brunner am Mittag im Laufbahnzentrum eintrifft, kommt sie gerade vom Werdmühleplatz, wo sie seit Ende Sommer letzten Jahres beim Rechtsdienst des städtischen Tiefbauamtes (TAZ) arbeitet. Neben ihrem 80%-Pensum beim TAZ absolviert sie seit einem Jahr die Ausbildung zur Meisterfloristin, die sie diesen Juli abschliesst. Ein Familienprojekt sei ihre Prüfung, erklärt sie. Denn neben einer floristischen Helferin werden ihr Ehemann und ihre beiden Teenager mitkommen. „Für die Abschlussprüfungen in Innsbruck brauche ich für das Transportieren und Zusammenstellen der Meisterwerkstücke viele helfende Hände“, sagt sie. „Die Teenager helfen diesen Sommer uns, im nächsten Jahr halten wir ihnen den Rücken für ihre Abschlüsse frei.“ Kurz vor ihrer Meisterprüfung legt ihr Mann seine Berufsmaturaprüfung ab, die auch ihm ermöglichen soll, sich ein zweites berufliches Standbein aufzubauen. „Unser Zuhause ist ein Lernatelier“, beschreibt sie die derzeitige Familien- und Wohnsituation.

Auf direktem Weg zur Meisterfloristin
Regula Müller Brunner ist die Erste, die als Quereinsteigerin den Meisterfloristinnen-Abschluss macht. Nach einer Umstrukturierung der Weiterbildung in der Schweiz ist es möglich, sich an der Academy of Flowerdesign (AoF) auszubilden und anschliessend mit der europäischen Meisterprüfung in Innsbruck den Abschluss zu erlangen. Für die Prüfungszulassung muss in der EU einzig das 18. Altersjahr vollendet sein. Für Quereinsteigende bietet sich damit eine Möglichkeit, ohne floristische Grundbildung und Berufsprüfung die Meisterprüfung abzulegen. „In meinem Alter noch eine Lehre zu machen, wäre mir aus zeitlichen wie finanziellen Gründen und dazu noch neben meinem Job als Juristin, kaum möglich gewesen.“ Um auf dem konventionellen Weg via Berufsprüfung den Meistertitel zu erwerben, hätte es zudem einige Jahre an Berufserfahrung gebraucht. Deshalb hat Müller Brunner als Einstieg in die Floristik Diplomkurse an der Migros-Klubschule besucht, dann an die AoF gewechselt und mit einem kleinen Pensum praktische Erfahrung in einem Blumenladen erworben. Sie meint: „Dieser Ausbildungsweg war für mich einfach perfekt.“

Die Entscheidungshilfe
Rückblickend habe das Interesse für die Floristik schon immer in ihr geschlummert, erinnert sich Müller Brunner. Noch vor dem Gymnasium habe sie sich für den Beruf der Floristin interessiert, eine Schnupperlehre gemacht. Später habe sie sich dabei ertappt, wie es sie immer wieder in Gartencenter gezogen habe. Vor etwa vier Jahren hat sie begonnen, ihrem Jugendtraum als Hobby nachzugehen, hat erste Kurse besucht, die Branche in Zeitschriften und im Internet beobachtet. Doch Versuche, als Praktikantin in Blumenläden unterzukommen, bleiben ohne Erfolg. 2014 bewirbt sie sich als Verantwortliche für die Weiterbildungen beim Floristenverband und kriegt den Job prompt. Sie lernt die Branche kennen und knüpft viele wertvolle Kontakte. Doch ihren beruflichen Erfahrungsschatz habe sie bei dieser Arbeit zu wenig einsetzen können, meint Regula Müller Brunner.

Zu diesem Zeitpunkt drängt sich eine Standortbestimmung auf: „Soll ich juristisch tätig sein, wieder als Fachjournalistin arbeiten oder zurück in eine Geschäftsführungsposition, wo ich auch schon einige Jahre war?“ Sie erinnerte sich an die BIZ-Beratung damals als Schülerin. Die Tests hätten ihr bei der Wahl des passenden Gymi-Typus viel geholfen. Deshalb meldet sie sich, mehr als zwanzig Jahre später, für eine Beratung im Laufbahnzentrum an. „Rund um das Thema Beruf findet sich alles auf dem Netz, doch der wahre Mehrwert sind die Tests und die persönliche Beratung“, sagt Müller Brunner. Sie hatte gerade ihre berufsbegleitende Floristik-Ausbildung bei der Migros Klubschule mit Diplom abgeschlossen und wusste, dass sie den Floristik-Weg weiterverfolgen will. „Jedoch als zweites Standbein, denn ich mag meine Arbeit als Juristin sehr.“ Durch die Tests im Laufbahnzentrum sei sie darin bestätigt worden, dass das gestalterische Tun für sie wichtig sei. Weiterhin einzig am Computer tätig zu sein, sei ihr nicht Ein und Alles. „Doch jeden Tag in einem Blumengeschäft zu stehen, kann ich mir auch nicht vorstellen. Der Idealfall ist eine Kombination.“

Offen für die berufliche Zukunft
Ihr Entscheid für die floristische Weiterbildung sei für die Familie nicht überraschend gekommen. „Sie haben ja mitbekommen, wie sehr mir das gestalterische Arbeiten und die natürlichen Werkstoffe gefallen.“ Im Bekanntenkreis hingegen habe es Leute gegeben, die mit einem Stirnrunzeln auf ihren Plan reagiert hätten. Ihr Entscheid, eine Ausbildung in einem ganz anderen Fachbereich in Angriff zu nehmen und allenfalls mal in einer Branche mit weit weniger guten Verdienstmöglichkeiten als im angestammten Beruf zu arbeiten, habe teilweise für Unverständnis gesorgt. Doch das eine tun und das andere lassen, sei für sie nie eine Option gewesen.

Kurz vor der Meisterprüfung hat Regula Müller Brunner eine Idee, wie es beruflich weitergehen soll. „Ich würde gerne in einem kleinen Pensum noch mehr praktische Erfahrung bei einem Meisterfloristen sammeln.“ Mit ihren juristischen Kompetenzen und der journalistischen Erfahrung könne sie sich vorstellen, neben dem praktischen Blumenbinden konzeptionell und strategisch tätig zu sein, beispielsweise Floristinnen bei einer Ladeneröffnung beratend zur Seite stehen, gestalterische Eventkonzepte erarbeiten oder Fachartikel rund um die Floristik schreiben. Neben ihrem Beruf als Juristin will sie weiterhin offen für die Wege sein, die sich ihr im floristischen Bereich bieten.

Infos zur europäischen Meisterprüfung

Die Academy of Flowerdesign (AoF) gehört zum Bildungszentrum für Gestaltung Know How in Wangen. Meisterfloristin und Schulleiterin Nicole von Boletzky bereitet Floristinnen und Floristen sowie engagierte Quereinsteiger/innen auf die Meisterprüfung vor. Die Ausbildung wird berufsbegleitend absolviert und dauert ein Jahr (insgesamt neun Unterrichtswochen). Die Prüfungen werden von der staatlichen Meisterprüfungsstelle der österreichischen Wirtschaftskammer WKO abgenommen. Der Abschluss entspricht im europäischen Qualifikationsrahmen dem Level 6, was einem Studienabschluss Bachelor oder Operative Professional gleichkommt.  Weitere Infos finden sich unter www.knowhow.ch

1 Kommentar

  • Patrick Cotti 3. Juni 2016 - 9:19 Antworten

    liebe Cathy, liebe Leute
    Das lese ich gerne, sähe es auch als Bildstory vor mir, auch gezeichnet, wer weiss. Vielleicht als Ausstellungsteil, vielleicht auf unserer Homepage. Der Satz, dass über den Beruf alles auf dem Netz ist, aber die persönliche Beratung und die Tests den Mehrwert des LBZ bilden, steht wohl im Zentrum unserer Aufgaben.
    Weiter so, more share.
    Herzlicher Gruss, Patrick

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