EFZ ohne Alterslimit

8 25. Oktober 2016 / Posted von Drucken

Wenn Erwachsene mit einer Nachholbildung einen anerkannten Berufsabschluss machen, ist das nicht nur ein Gewinn für sie selbst, sondern auch für die Gesellschaft. Doch nicht selten ist der Weg zum Fähigkeitszeugnis oder Berufsattest schwierig, weil viele verschiedene Stellen involviert und die Ausbildungswilligen oft auf sich allein gestellt sind. Berufsberater Marco Graf wünscht sich für diese eine bessere Unterstützung.

von Michael Milz

Artikel 32 der Berufsbildungsverordnung regelt die Prüfungszulassung zu einer Nachholbildung: «Wurden Qualifikationen ausserhalb eines geregelten Bildungsganges erworben, so setzt die Zulassung zum Qualifikationsverfahren eine mindestens fünfjährige berufliche Erfahrung voraus.» Rund 600‘000 Menschen verfügen schweizweit über keine anerkannte Berufsbildung. «Davon haben mindestens 50‘000 Personen ein Potenzial, eine berufliche Grundbildung über eine Nachholbildung abzuschliessen», schreibt Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik von Travail.Suisse, dazu auf seinem Blog. Schliesslich trügen Nachholbildungen nicht nur zur persönlichen Besserstellung von Personen ohne berufliche Grundbildung bei, sondern leisteten auch einen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels einerseits und zur Entlastung der Sozialversicherungen andererseits. So weit, so gut? Nicht ganz, denn im Alltag gestaltet sich die Situation sowohl generell wie auch im Einzelfall oft schwieriger, als den Beteiligten lieb ist.

Missverständnis über Festanstellung
Für Marco Graf, Berufs-, Studien- und Laufbahnberater im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich (LBZ), gab es vor einigen Jahren so etwas wie einen Schlüsselfall, der ihn zur Einsicht gebracht hatte, dass Erwachsenen ohne anerkannten Berufsabschluss mehr und besser geholfen werden müsse. Die Hauptfigur in diesem Fall war ein knapp fünfzigjähriger Mann mit afrikanischen Wurzeln, der hier aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Seine Lehre als Elektromonteur konnte er nicht abschliessen, weil sein Lehrbetrieb Konkurs ging – just als er im letzten Lehrjahr war. In der Folge arbeitete er rund zwanzig Jahre lang als Elektromonteur ohne Berufsabschluss. Danach bekam er während weiterer fünf Jahre nur noch temporäre Jobs und keine Festanstellung mehr.
«Als er zu mir kam, weil er den Lehrabschluss nachholen wollte, habe ich ihm aufgezeigt, wie er vorgehen muss», erinnert sich Graf. Dabei sagte ihm sein Klient, dass er vor fünf Jahren schon einmal bei ihm gewesen sei – mit demselben Anliegen! Er habe sich in der Berufsfachschule kundig gemacht, wo ihm beschieden worden sei, er könne seinen Berufsabschluss nur nachholen, wenn er auch eine feste Stelle habe – und nun sei er seit fünf Jahren auf der Suche nach eben dieser festen Stelle.

«Das Problem sind die Schnittstellen»
«Ich habe dann mit dem Berufsinspektor telefoniert», erzählt Marco Graf weiter, «denn ich habe mir schlicht nicht vorstellen können, dass das stimmt.» In der Tat habe ihm dieser bestätigt, dass eine feste Stelle zwar von Vorteil, aber nicht zwingend sei.
Leider komme es immer wieder zu solchen Missverständnissen. «Deshalb finde ich auch, dass wir diesen Leuten mehr und besser helfen müssen», sagt Graf, denn die Fehler passierten an den Schnittstellen: «Das Problem sind die Zuständigkeiten, nicht die Ressourcen.» Dabei wird den Klientinnen und Klienten fälschlicherweise oft auch fehlende Motivation unterstellt, wenn es mit der Nachholbildung nicht klappt. Vielmehr seien es die Hindernisse, die es zu überwinden gebe, so Graf. In der Regel bekämen die an einer Nachholbildung Interessierten alle benötigten Informationen; allein die schiere Menge und letztlich wohl auch die Komplexität von Sprache und Inhalt würden aber viele schlicht überfordern. So sind die Möglichkeiten wohl theoretisch gegeben – nur, was nützt das, wenn die praktische Umsetzung dann scheitert?
Marco Graf ist deshalb der Ansicht, dass es für den Bereich der Nachholbildung eine Fachstelle braucht, die bei der Umsetzung mit Rat und Tat behilflich ist und das wenn nötig bis zum Abschluss. Die Fachstelle könnte seiner Meinung nach durchaus im LBZ angesiedelt sein.
Wer Unterstützung bei einer Nachholbildung braucht, kann sich beim LBZ melden; die Beraterinnen und Berater helfen und unterstützen – wenn nötig auch bis zum Abschluss – und schicken Interessierte nicht einfach weiter zur nächsten Stelle. Damit Bildungswillige nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch von einer Nachholbildung profitieren können.

Merkblatt des Schweizerischen Dienstleistungszentrums Berufsbildung, Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (SDBB)

 

2 Kommentierte

  • Beratung reicht für Erwachsene nicht – Begleitung ist erforderlich – Zweite Chance 9. November 2016 - 18:29 Antworten

    […] «Lauf­bahn-Info des Zür­cher Lauf­bahn­zen­trums» berich­tet Michael Milz von einem heute 50-jäh­ri­ger Mann, der sich vor fünf Jahren bera­ten liess, wie […]

    • Administrator 10. November 2016 - 10:43 Antworten

      Danke für die Verlinkung unseres Artikels in Ihrem Kiosk. Wir freuen uns, wenn dieses wichtige Thema Beachtung findet!

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