Das Geschäft mit der Nadel

59 14. Juli 2016 / Posted von Drucken

Ein Berufsberater des Laufbahnzentrums macht bei seinem Seitenwechsel eine schmerzhafte Erfahrung: Im Tätowiergeschäft erforscht er die in der Beratung vielgefragten Berufe Tätowierer und Piercer  und kommt gleich selbst unter die Nadel. Dabei lernt er die boomende Branche im Detail kennen.

von Andres Züger

Soviel vorne weg: Ja, es tut weh! Und nein, sowas haben nicht nur Knastbrüder, Seebären und Dirnen! Tattoos und Piercings sind längst zum Lifestyle-Produkt avanciert und beliebter denn je. Deshalb erstaunt es mich auch nicht, dass ich in meinen Berufs- und Laufbahnberatungen zunehmend nach der Ausbildung zum Piercer oder Tätowierer gefragt werde. Ausbildung? Nein, eine reglementierte Ausbildung existiert für beide Berufe nicht. Dies ist Grund und Motivation genug für mich als Berufs- und Laufbahnberater, mir im Rahmen eines Seitenwechsels Infos aus erster Hand zu beschaffen. Aber von wem? Nach kurzem Rumgoogeln fällt mir auf, dass ein Name auffällig häufig in den Suchergebnissen erscheint. Es ist die Giahi Tattoo und Piercing GmbH, die mit insgesamt fünf Stores in Zürich und Winterthur den Ruf als grösstes Tattoo- und Piercing-Studio Europas geniesst. Auf der firmeneigenen Homepage weist sich Giahi als spezialisiserter Betrieb für Tattoos und Piercings aus, der sein qualifiziertes Personal selbst ausbildet. Meine Anfrage per Mail wird postwendend von Nina, Verantwortliche für das Human Resources Management, mit einer Einladung beantwortet. Viel schneller als gedacht erhalte ich tatsächlich die Möglichkeit, bei Giahi die Profession der Tattoo- und Piercing-Kunst hautnah zu erleben.

Im Rahmen des Weiterbildungsprogramms «Seitenwechsel» absolvieren Mitarbeitende des Laufbahnzentrums ein- oder mehrtägige Arbeitseinsätze oder Einblick-Tage bei selbst gewählten Arbeitgebern. Dieser Perspektivenwechsel gibt ihnen Gelegenheit, ihr Wissen über eine Branche und deren Berufe zu erweitern und das Bild, das sie von der beruflichen Praxis haben, zu aktualisieren.

Der Stencil ist entscheidend
Den ersten halben Tag verbringe ich im Giahi Store im Niederdorf. Florian begrüsst mich freundlich im Erdgeschoss des stylisch gestalteten Ladens am Hirschenplatz. Und es geht gleich ans Eingemachte: Heute komme ich unter die Nadel! Da wir vorgängig telefonisch alles besprochen haben, bringt mich der grossflächig tätowierte, rotbärtige Store Manager direkt ins Obergeschoss. Dort mache ich es mir auf dem mausgrauen Plüschsofa in der Lounge gemütlich und stimme mich auf die bevorstehende Session ein. Bald darauf kommt Tolis, der mich heute tätowieren wird, die Treppe hinauf. „I`ve already studied your patterns“, ruft er mit einem charmanten Akzent, „but there`s some details we still have to talk about.“ Tolis ist ein sogenannter Guest Tattoo Artist. Er reist drei bis vier Mal im Jahr nach Zürich, um exklusiv bei Giahi Kundenwünsche vom Papier auf die Haut zu bringen. Spezialisiert ist er auf Maori, Tahiti und Polynesian. Das sind Tattoo-Stile, die auf die Wurzeln der jeweiligen Ureinwohner und Stämme zurückgehen und sich durch eine stark spirituell und rituell geprägte Symbolik auszeichnen. Die Motive dieser Stile bestehen primär aus geometrischen Mustern und Formen und werden meistens nur in Schwarz und vorwiegend freihändig gestochen. In meinem Fall soll es ein eigenes Design im Geometric Work Style sein. Vor einiger Zeit hatte mir Tattoo-Expertin Delia in der Beratung Tolis als Tattoo Artist empfohlen. Die Tattoo Experts haben im Prozess von der Idee zur Realisierung eines Kundenwunsches eine zentrale Rolle. Sie tätowieren zwar nicht selbst, sind mit dem Thema aber sehr vertraut. Im Beratungsgespräch beurteilen sie, ob ein Motiv umsetzbar ist und welcher Tattoo Artist aufgrund des gewünschten Stils infrage kommen könnte. Zudem schätzen sie den Arbeitsaufwand ab und machen eine erste Kostenschätzung. Dann klären sie gemeinsam mit Tätowierer und Kunde ab, ob das entsprechende Motiv umgesetzt werden kann und will. Auf Wunsch zeichnet der Tattoo Artist auch ein Motiv oder passt eine mitgebrachte Vorlage an. Kommt es zur Realisierung, koordiniert der Tattoo Expert die Termine.

Als Erstes schneidet Tolis die Papiervorlage in verschiedene Teile. Mit dem Tattoo-Transfer-Kopierer erstellt er sogenannte Stencils, wobei die Vorlagen auf ein Pauspapier gedruckt werden. Diese werden später ähnlich wie ein Abziehbildchen auf die entsprechende Körperstelle geklebt und dann tätowiert. Bei linearen geometrischen Mustern besteht die Schwierigkeit darin, diese auf dem dreidimensionalen Körper so anzubringen, dass sie optisch linear bleiben. Ohne zeichnerische Anpassungen funktioniert das nicht. Deshalb überträgt der Tätowierer zunächst freihändig die Umrisse meines Tattoos auf die Haut. Dabei passt er die Linien der natürlichen Haltung des Armes an und kontrolliert immer wieder, wie sich das Gesamtbild beim Bewegen des Armes optisch verändert. Passt das Gerüst, bringt er sorgfältig die einzelnen Stencils an, macht zeichnerische Angleichungen, wo es noch notwendig ist. Der fertige Abdruck wird dann mit einem speziellen Spray auf der Haut haftbar gemacht, damit er während des Tätowierens nicht verwischen kann. „Now I`m less strained“, sagt Tolis, der seit fast 20 Jahren tätowiert, erleichtert. Den Stencil gut hinzukriegen sei immer ein heikler und sehr wichtiger Part bei seiner Arbeit.

Routiniert richtet Tolis jetzt seinen Arbeitsplatz ein. Er schraubt eine sterilisierte Führungshülse in die Halterung seiner mattschwarzen Tätowiermaschine. Dann werden die Nadelträger eingehängt und die Stichtiefe wird exakt eingestellt. Diese ist besonders wichtig: Dringt die Nadel zu tief ein, vernarbt die Tätowierung zu stark, bei zu geringer Stichtiefe bleibt die Farbe nicht dauerhaft in der zweiten Hautschicht, der Dermis. Abschliessend kontrolliert er, ob sich keine Nadeln verbogen haben, denn Ankerhaken würden die Haut unnötig verletzen. Er macht diverse andere Tätowiernadeln, schwarze Tätowierfarbe, Vaseline, Papiertücher und antiseptische Flüssigkeit bereit und stellt dann den schwarzledrigen Tattoo-Stuhl richtig ein. Dieser wird nochmals mit einem Desinfektionsmittel gereinigt und mit Papier überzogen. Hygienisch tadelloses und steriles Arbeiten ist in diesem Metier das A und O. In der Schweiz gibt es bezüglich der Hygiene-Kontrollen bei Tätowierern aber noch keine kantonal einheitlich geregelten Vorschriften.

Tolis streift sich schwarze Einweghandschuhe über und beginnt mit einem Round Liner, einer dünnen Tätowier-Nadel, die Outlines zu ziehen. Im ersten Arbeitsgang werden also alle Umrisse tätowiert. Die Tätowiermaschine wird über ein elektrisches Fusspedal bedient, welches optisch an die A/B-Umschalter von Gitarristen erinnert. Durch stetiges Auftragen von Vaseline kann Tolis seine Hand leichter über die Haut gleiten lassen. Auch die Nadel lässt sich so besser über die Haut, die er mit seiner freien linken Hand mit Daumen und Zeigefinger leicht spannt, führen. Die Schmerzen sind noch erträglich, es ist aber eine mentale Herausforderung, den Arm ruhig zu halten, denn instinktiv möchte ich diesen einfach nur wegziehen.

Im zweiten Schritt werden die Fill-ins gemacht, die Muster also ausgemalt. Der Schmerz ist jetzt deutlich stärker. „I know it hurts“, sagt Tolis ab und zu und fragt, ob ich ok sei. Je grösser die einzufärbende Hautfläche ist, desto mehr Nadelspitzen braucht es. Es kommen fünf-, neun und elfspitzige Tattoo-Nadeln zum Einsatz. Je mehr Spitzen eine Nadel hat, desto schmerzhafter fühlt es sich an.

Vom Architekturstudenten zum Berufstätowierer
Tolis arbeitet hoch konzentriert, ist aber genug routiniert, um sich mit mir zu unterhalten. 41 Jahre alt ist er und lebt mit seinem sechsjährigen Sohn, der nur bei seiner Ex-Frau ist, wenn er im Ausland arbeitet, in Athen. Dort hat er sein eigenes Studio, welchem er den Namen Eightball Tattoos gegeben hat. Ursprünglich hat er Architektur studiert und sei sogar ein ziemlich guter Student gewesen. Nebenbei hat er sich autodidaktisch das Tätowieren beigebracht. Nach drei Jahren an der Uni habe er sich dazu durchgerungen, das Studium sausen zu lassen und voll ins Tattoo-Business einzusteigen. Eine Entscheidung, welche für ihn die richtige war. „In Greece it`s better to be a tattoo artist than an architect“, sagt er. Als Architekt würde er sich und seinen Sohn schlechter durchbringen, vom Geschäft mit der Nadel konnte er bis heute immer recht komfortabel leben. Er mag seine Arbeit sehr, besonders wenn er für Kundschaft komplexere „Projects“, wie er sie nennt, realisieren darf. Meistens sind dann mehrere Sitzungen nötig, bis ein Hautbild fertig ist. Zwischendurch legt Tolis Pausen ein, raucht eine selbst gedrehte Zigi oder berät potenzielle Kundschaft in der Lounge. Falls er ein Tattoo umsetzen kann, übernimmt Florian für ihn das Administrative und koordiniert seine Termine.

Nach sechs Stunden ist es überstanden: Das Tattoo ist fertig, und ich bin es auch! Die Freude über das tolle Ergebnis lässt mich den Schmerz des mittlerweile stark angeschwollenen Armes für einen Moment vergessen. Im letzten Akt deckt Tolis das frisch gestochene Hautbild mit Folie ab, damit es vor Verunreinigungen geschützt ist und informiert über die korrekte Wundpflege.

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Nur die besten erhalten einen Ausbildungsplatz
Während Guest Tattoo Artists wie Tolis bereits Berufserfahrung mitbringen und wochenweise aus dem Ausland anreisen, um hier zu arbeiten, ist es für Giahi bedeutungsvoll, eigene Leute auszubilden. „Wir achten darauf, dass wir mit Residents zusammen arbeiten, die auch Interesse am Ausbilden haben“, erzählt Nina im Interview. Residents sind Tätowierer, die sich als Freelancer dauerhaft bei Giahi eingemietet haben. Drei davon arbeiten zurzeit auch als „Lehrmeister“ und bilden insgesamt vier Tattoo Apprentices aus. Die Ausbildung zum Tattoo Artist dauert bei Giahi drei Jahre. Bewerben können sich Personen, die mindestens 18 Jahre alt sind und eine abgeschlossene berufliche Grundbildung, früher Lehre genannt, vorweisen können. Das wichtigste Kriterium nebst einem guten räumlichen Vorstellungsvermögen ist, dass man sehr gut zeichnen und ein aussagekräftiges Portfolio präsentieren kann. Dieses beurteilt Nina, die ursprünglich bei einer Grossbank am Paradeplatz gearbeitet hat, zusammen mit Giada, der Gründerin und Inhaberin von Giahi, nach intern definierten Kriterien. Wer die erste Hürde schafft, wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen und kann bei positivem Entscheid eine Woche auf Probe arbeiten. Dann wird aber nicht nur das zeichnerische Können der Aspirantinnen und Aspiranten geprüft. „Wir simulieren auch fiktive Kundenaufträge. Denn es ist zentral, dass sich ein Tätowierer auf die Wünsche der Kundschaft einlassen kann, dabei aber seine persönliche Handschrift beibehält“, erklärt Nina weiter. Mit diesen gestellten Situationen könnten sie das sehr gut überprüfen. Verläuft das Probe-Arbeiten positiv, folgt ein zweites Bewerbungsgespräch mit dem gesamten Kader. Hat es sich für jemanden entschieden, wird ein entsprechender Ausbildungsvertrag aufgesetzt.

Bevor die Praktikanten sich an echter Haut versuchen dürfen, üben sie zum Beispiel an Bananen. Es gibt auch Kunsthaut und sogar ganze aus Silikon gefertigte Körperteile dafür, aber das sei nicht das Gleiche. Mit der Zeit tätowiert man entweder sich selbst oder mutige Freiwillige aus dem Team oder dem Freundes- und Bekanntenkreis. Ausprobiert werden grundsätzlich alle Tätowierstile während der Ausbildung. Ist diese etwas weiter fortgeschritten, erfolgt die Spezialisierung auf zwei bis drei Stile. Neben dem eigentlichen Handwerk werden aber auch theoretische Inhalte vermittelt. Auf dem Lehrplan stehen beispielsweise Kunstgeschichte, Dermatologie, Hygiene, Maschinenkunde oder Kundenberatung. „Mit unseren Praktikumslöhnen kann ein Erwachsener während der Ausbildung seinen Lebensunterhalt verdienen“, weiss Nina aus Erfahrung. Tatsächlich sind die Praktikumslöhne bei Giahi um einiges höher als der gesamtschweizerische Vergleichswert, der vom Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit jährlich im Lohnbuch publiziert wird. Im dritten Ausbildungsjahr verdient ein Tattoo Apprentice 4500 Franken, später, je nach Erfahrung und Anzahl der Arbeitsaufträge, deutlich mehr. Wer Tätowierer werden will, muss sich aber bewusst sein, dass der Arbeitsmarkt gesättigt ist und Lehrmeister schwierig zu finden sind. Giahi möchte deshalb noch mehr Residents motivieren, sich als Ausbildner zu engagieren und baut darauf, dass ihre Ausgelernten später selbst einmal zu hauseigenen Lehrmeistern werden. „Wer bei uns die harte Selektion schafft und die Ausbildung erfolgreich abschliesst“, erklärt Nina weiter, „kann im Unternehmen bleiben und hat einen sicheren Arbeitsplatz.“ Diejenigen, die nach der Ausbildung gleich den Schritt in die berufliche Selbständigkeit wagen, lassen sich auf ein gewisses Abenteuer ein. Obwohl die Nachfrage nach Tattoos immer noch steigt, erarbeitet man sich nicht einfach mal so einen guten Ruf. Zudem verlangt die Kundschaft vermehrt die Umsetzung von immer komplexeren Motiven, die ein Frischling mit wenig Berufserfahrung noch nicht stechen kann.

Abschlussprüfung für Piercing Artists
Für die Ausbildung der Piercing Artists ist Maja, die ich im Giahi Store in Winterthur treffe, zuständig. Die gelernte Papiertechnologin ist seit fünf Jahren bei Giahi angestellt und hat sich intern zur Filialleiterin gemausert. Wie die meisten hier ist sie flächig tätowiert und trägt auffällige, schwarze Tunnels, die mir die extrem gedehnten Ohrläppchen afrikanischer Naturvölker ins Gedächtnis rufen. „Die Ausbildung zum Piercing Artist dauert bei uns ein Jahr“, holt sie aus, „und während dieser Zeit werden sie auch im Verkauf und in der Tattoo-Beratung geschult.“ Sie verdienen gleich viel wie ein Tattoo-Praktikant im ersten Lehrjahr, nämlich 2500 Franken und ab dem ersten Berufsjahr sind die Löhne vergleichbar mit denen von Detailhandelsfachleuten der Branchengruppe Lifestyle.

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Die Voraussetzungen für Bewerber und Bewerberinnen sind ähnlich wie bei den Tattoo Apprentices. „Von ihnen benötigen wir aber kein Portfolio“, so Maja. Wichtig sei es, dass man hervorragende feinmotorische Fähigkeiten habe und in hektischen Situationen einen kühlen Kopf bewahren könne. „Kommt eine Person infrage, lasse ich sie nicht nur bei mir in Winterthur, sondern auch in den zwei grossen Giahi Stores in Zürich schnuppern“, führt Maja weiter aus. Die Rückmeldungen vom jeweiligen Zürcher Team seien mit massgebend, ob sie sich für oder gegen jemanden entschieden. Eigene Tattoos oder Piercings seien übrigens nicht Pflicht. „Normalerweise werden es aber immer mehr, wenn man bei uns arbeitet“, lacht Piercing Apprentice Selina. Die ehemalige Tiermedizinische Praxisassistentin ist seit gut einem Monat bei Giahi in Ausbildung. Bereits zwei Piercings seien in dieser kurzen Zeit neu dazugekommen, schwärmt sie und erkundigt sich bei Maja, ob am Abend noch Schule sei. Ja, nach Ladenschluss müssen die „Lehrlinge“ noch die Schulbank drücken. Neben der praktischen Arbeit bekommen sie von Maja auch theoretische Kost vorgesetzt, beispielsweise in Material- und Instrumentenkunde, Hygiene oder Anatomie.

Beendet wird die Ausbildung mit einer internen Abschlussprüfung. Diese beinhaltet einen schriftlichen und einen praktischen Teil, ähnlich wie bei einem regulären Qualifikationsverfahren. Allerdings führt diese nicht zu einem eidgenössisch anerkannten Abschluss. „Wer die Prüfung bestanden hat, kann sich bei uns als Piercing Artist anstellen lassen“, erzählt Maja, „und gilt ab dann als qualifizierte Fachkraft.“ Mit zunehmender Erfahrung ist es auch möglich, intern aufzusteigen. Zunächst als Tattoo Expert, später als Artist Manager, stellvertretender Filialleiter oder Filialleiterin.

Conch, Septum und Co: Einwilligung in Körperverletzung
Maja führt mich zuerst in das umfassende Piercing-Sortiment ein. Für jede erdenkliche Körperstelle gibt es Piercings in diversen Farben, Formen und Materialien: Aus Chirurgenstahl, Titan, Acrylglas, Silber oder Gold, von weiss bis schwarz, von rund bis eckig, von dick bis dünn. Momentan sind grosse Plugs und Tunnels aus Metall oder Holz, die vor allem von jugendlicher Kundschaft gekauft werden, sehr gefragt. Bevor ein entsprechendes Piercing gestochen werden kann, muss die Kundschaft aber ein Einwilligungsformular unterzeichnen. Bei Minderjährigen unterschreiben die Eltern. Maja erklärt: „Das Stechen von Piercings oder Tattoos ist eigentlich eine ‚Körperverletzung‘. Weil ein Piercing Artist kein Arzt ist, sichert er sich durch die Unterschrift ab, dem Kunden Schmerzen zufügen zu dürfen.“ Die Arbeitsplätze der Piercing Artists befinden sich im ersten Stock. Eine junge Mutter, die ihr Kleinkind auf dem Bauch hält, soll gerade ein Septum bekommen. Dieses wird durch das Mischgewebe von Haut und Knorpel am unteren Ende der Nasenscheidewand gestochen. Im Raum daneben wird einer Jugendlichen ein Lobe geschossen. Lobes, von Laien normalerweise als „Ohrloch“ bezeichnet, sind mit Abstand die beliebtesten Piercings und werden sehr häufig verkauft. „Sie sind relativ einfach zu machen, werden geschossen statt gestochen und eignen sich besonders für Piercing Apprentices, die noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung stehen“, betont Maja. Für heiklere Piercings, etwa in die Brustwarzen oder im Intimbereich, brauche es mehr Erfahrung. Je nach Art des Piercings werden unterschiedliche Instrumente, die beispielsweise auch Chirurgen einsetzen, verwendet. Daneben gibt es speziell für Piercer entwickeltes Werkzeug wie Kugelgreifer, Piercing-Nadeln, Piercing-Klemmen, Ringschliess-Zangen, Septum-Zangen, Dehnbesteck und vieles mehr. Wie bei den Tätowierern ist es auch für Piercer zentral, hygienisch und mit sterilen Arbeitsgeräten zu arbeiten. Viele davon sind heute Einwegprodukte, die steril verpackt geliefert und nach Gebrauch fachgerecht entsorgt werden, erzählt Maja.

Individuellen Piercing-Schmuck kann sich die Kundschaft von Giuseppe anfertigen lassen. „Eigentlich hatte ich mich als Tattoo Apprentice beworben, aber sie wollten mich nicht!“, erzählt der hauseigene Goldschmied schmunzelnd. Er habe dann einfach gefragt, ob er stattdessen Schmuck für Giahi herstellen könnte. Und tatsächlich entstand aus seiner Anfrage eine Zusammenarbeit. Giuseppe kreiert nicht nur Piercings, sondern auch Fingerringe, Armreife oder Brustwarzen-Clips. Gravuren, Umarbeitungen und Reparaturen gehören ebenfalls zu seinem Service.

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Die Branche wird weiter boomen
Nina und Maja sind sich einig: Die Branche boomt und wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. Dadurch ergeben sich auch neue Geschäftszweige für andere Unternehmen, welche die Tattoo- und Piercing Branche zum Beispiel mit Schmuck, Tattoo-Farben oder Maschinen und Werkzeugen beliefern. Tätowiernadeln werden längst nicht mehr von den Tätowierern selbst zusammengelötet. Pharmazeuten arbeiten heute mit Tätowierern zusammen, um gemeinsam Cremes für die Tattoo-Pflege zu entwickeln. Obwohl der Arbeitsmarkt gesättigt ist, wird der Bedarf an qualifiziertem Personal weiter zunehmen, ist Maja überzeugt. Die Arbeitsplatzsicherheit ihrer Mitarbeitenden schätzt sie hoch ein. Solange die Branche wächst, brauche es auch zunehmend mehr Personal im Hintergrund. Bei einer Grösse wie sie Giahi mittlerweile erreicht hat, wäre der berufliche Alltag ohne Backoffice viel schwieriger zu bewältigen. „Wir konnten sogar eine Lehrstelle schaffen“, erzählt Nina stolz. Seit letztem August bildet sie persönlich die erste Kauffrau bei Giahi aus. Aus der Branche werden aber auch kritische Stimmen laut. Die Kommerzialisierung würde die Mystik des Tätowierens entzaubern und der ursprüngliche Reiz der einst subkulturellen Tattoo-Szene verseuche so zur 0815-Industrie. Für Nostalgiker ist im Geschäft momentan aber wenig Platz. Wer mithalten will, muss sich anpassen. Mittlerweile gibt es Studios, die sich in gewissen Segmenten spezialisieren: Body Modification, Scarification, Augapfel-Tattoos. Es existieren sogar schon mobile Tattoo-Studios, mit denen Tätowierer von einer Convention zur nächsten fahren. Zunehmend werden aber auch chirurgische Eingriffe wie beispielsweise die Rekonstruktion von gedehnten Ohrläppchen angeboten. Der Qualifikationsbedarf scheint doch gross zu sein. Viele Tätowierer würden deshalb eine berufliche Anerkennung begrüssen. Der Verband Schweizerischer Berufstätowierer VST ist gemäss eigenen Angaben in Verhandlungen für eine vom Bund anerkannten Berufsprüfung, die mit einem eidgenössischen Fachausweis zertifiziert wird. Zudem läuft momentan eine Revision des Lebensmittelgesetzes, die den Tätowierern eine Meldepflicht gegenüber den zuständigen kantonalen Lebensmittelbehörden auferlegen soll. Dadurch will man die sogenannt schwarzen Schafe besser in Schach halten und gleichzeitig den Beruf aufwerten. Denn tätowieren darf nach wie vor jeder, der eine Tattoo-Maschine in die Hand nimmt.

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