Hände aus den Hosentaschen!

11 21. April 2016 / Posted von Drucken

Windschutzscheiben ersetzen, Parkschäden ausbeulen, Farben mischen, die Farben auftragen und zum Schluss die Oberfläche polieren: Carrossiers Spenglerei und Lackiererei reparieren Autos und lassen sie in neuem Glanz erstrahlen. An einem Seitenwechsel-Schnuppertag erhielt die Autorin Einblick in die Carrosseriewerkstatt Baumann AG.

von Monika Palek

In der Carrosseriewerkstatt Baumann AG in Küsnacht werde ich herzlich von Reto Baumann, dem Betriebsleiter, in Empfang genommen. Die Arbeitskleidung, einen Pullover und eine Latzhose, drückt er mir auch gleich in die Hand. Ich bin gespannt, was mich erwartet.

Im Rahmen des Weiterbildungsprogramms «Seitenwechsel» absolvieren Mitarbeitende des Laufbahnzentrums ein- oder mehrtägige Arbeitseinsätze oder Einblick-Tage bei selbst gewählten Arbeitgebern. Dieser Perspektivenwechsel gibt ihnen Gelegenheit, ihr Wissen über eine Branche und deren Berufe zu erweitern und das Bild, das sie von der beruflichen Praxis haben, zu aktualisieren.

Als Erstes schaue ich den beiden Carrossiers Spenglerei, Reto und seinem neuen Mitarbeiter Paulo, dabei zu, wie sie eine Frontscheibe mit Riss ersetzen. Mithilfe eines vierkantigen Schneidedrahtes schneiden sie zusammen das defekte Glas heraus. Dabei sitzt Reto mit dem einen Ende des Drahtes im Innern des Fahrzeuges und Paulo zieht langsam das andere Drahtende von aussen um die Frontscheibe herum.

Während Paulo die neue Frontscheibe an den Rändern mit Polyurethan-Klebstoff versieht, zeigt mir Reto die wichtigsten Geräte und Maschinen für die Spenglerarbeiten wie den Spenglerhammer und verschiedene Ausbeulmaschinen.

Die in die Werkstatt gebrachten Autos haben häufig Beulen von Parkschäden oder Unfällen, die ausgebeult werden müssen. Nach der Reparatur kommen die Fahrzeuge – es kann auch einmal eine Vespa sein, die ebenfalls aus Blech ist – in die Lackiererei, wo sie frisch lackiert und poliert werden.

Von Paulo erfahre ich, dass sich leider zu wenig Jugendliche für die Grundbildung Carrossier/in Spenglerei EFZ entscheiden. Beim Zuschauen dürfe ein Schnupperlehrling auf keinen Fall die Hände in den Hosentaschen haben – das wäre ein „No-Go“ und ein Zeichen für mangelndes Interesse und fehlende Arbeitsbereitschaft. Schnell ziehe ich meine Hände aus den Hosentaschen, denn ich möchte auf jeden Fall mithelfen!

Nach der Kaffeepause fahren wir nach Hinteregg, in die Carrosserie Spenglerei und Lackiererei, die Retos Vater, Hansueli Baumann, 1980 gegründet hat und seither auch führt. In der Werkstatt arbeiten drei Carrossiers Spenglerei, vier Carrossiers Lackiererei und eine Carrossierin Lackiererei, die für das „Finish“, also die Schlusspolitur, zuständig ist.

Sogleich kann ich mitarbeiten: Mit Schleifmaschine und Schleifpapier schleife ich zwei Autotüren ab und reinige sie danach mit Wasser und Seife, um sie für den Lack vorzubereiten. Zum Schutz gegen den Schleifstaub trage ich eine Atemschutzmaske.

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IMG_1077_KIm Farbmischraum darf ich dann mithilfe eines Computerprogramms und einer angeschlossenen Waage eine wasserlösliche Farbe – ein Toyota-Silber – mischen. In die Farbe gehören neben dem Silber auch ein paar Tropfen Gelb, Blau und Glitzer.

Nach dem Mittagessen geht es nochmals ans Schleifen, bis alle zu lackierenden Autoteile glatt geschliffen und gereinigt sind. In der staubfreien Spritzkabine schaue ich dann beim Farbspritzen zu. Mit der Spritzpistole wird der Lack in mehreren Durchgängen gleichmässig angebracht.

IMG_1093_KZum Schluss frage ich meine neuen Kollegen nach ihrer Lieblingsarbeit. Die Antwort kommt von allen schnell und ich erfahre, dass es bei den Lackierern den „Spritztyp“ und den „Schleiftyp“ gibt.

Der Tag hat Spass gemacht, die Stimmung in der Werkstatt war gut und ich habe viel gelernt über Autos, Spengler- und Lackierarbeiten. Dass ich in der Werkstatt dabei sein, Fragen stellen und sogar mithelfen konnte, war bereichernd und wird mir beim Überarbeiten der nächsten BIZ-Berufsinfo-Blätter des Berufsfeldes Fahrzeuge bestimmt sehr nützlich sein.

Carrossier/in Spenglerei und Carrossier/in Lackiererei sind anspruchsvolle handwerkliche Berufe, die sich für jeden eignen, der gerne Autos hat und interessiert daran ist, sie auseinanderzunehmen, zu reparieren und zu pflegen. Für alle Arbeiten braucht es Fingerspitzengefühl und ein gutes Augenmass, um Beulen und Dellen auszugleichen, den korrekten Farbton zu mischen und die Farbe gleichmässig anzubringen.

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