Anschluss Richtung Abschluss

8 25. November 2016 / Posted von Drucken

Wer nach der Schule keine Anschlusslösung findet oder die Lehre abbricht, hat mit JOB PLUS eine zusätzliche Chance. Teilnehmende dieses Motivationssemesters arbeiten vier Tage in der Woche in einem Betrieb in der freien Wirtschaft und besuchen an einem Tag pro Woche die Schule, wo sie beim Bewerben zusätzlich intensiv unterstützt und begleitet werden. Es folgt ein Einblick in ein Erstgespräch.

von Michael Milz

Nein, an der Motivation liegt es höchstwahrscheinlich nicht, wenn man Daniel* zuhört und ihn im persönlichen Kontakt erlebt, ein knapp 18-jähriger Jugendlicher, zurückhaltend, aber freundlich und angenehm im Umgang. Er hat seine Lehre abgebrochen und erscheint an einem sonnigen Vormittag Ende Oktober zusammen mit seiner Mutter pünktlich zum JOB-PLUS-Erstgespräch. Den Auftrag zu diesem Gespräch hat das RAV erteilt, weil Daniel dort als arbeitslos gemeldet ist, nachdem er seine Lehre abgebrochen hatte.

Beraterin Chantal Biber empfängt Daniel und seine Mutter im JOB-PLUS-Büro an der Ausstellungsstrasse in Zürich. Die Begrüssung ist freundlich und schafft schnell Nähe und Vertrauen – die Basis für eine gute Zusammenarbeit. Zunächst geht es im Erstgespräch darum, sich kennenzulernen und erste Abklärungen zu machen: Wer ist Daniel überhaupt, und was sind seine Wünsche und Vorstellungen? Wie ist seine private Situation, wo steht er im Berufswahlprozess und warum ist er arbeitslos? Und ist JOB PLUS überhaupt die richtige Anschlusslösung für ihn.

Schützenhilfe im Papierkrieg
Zu JOB PLUS kommt, wer vom RAV überwiesen wird. Und wer mit Behörden und Ämtern zu tun hat, hat meist auch mit einer Fülle von Formularen zu tun – das ist im Fall von Daniel nicht anders. Nicht selten sind Betroffene damit schnell überfordert, denn zur an sich schon belastenden Situation der Arbeits- und Erwerbslosigkeit gesellt sich nun auch noch ein Papierkrieg, der ein Fortkommen in diesem Prozess verlangsamt, wenn die Formulare nicht korrekt und innert der gesetzten Fristen ausgefüllt werden. Zur Unterstützung und Betreuung, die Beraterinnen und Berater bei JOB PLUS leisten, gehört also auch Schützenhilfe im Papierkrieg. Chantal Biber hilft beim Ausfüllen des Antrags auf Arbeitslosenentschädigung, damit Daniel möglichst schnell das Arbeitslosengeld bekommt, das ihm zusteht.

Im Verlauf des Gesprächs zeigt sich schnell: Richtig intensiv hat sich Daniel gar nie mit der Berufswahl auseinandergesetzt, und eine klare Vorstellung davon, was er nach der Schulzeit machen wollte, hatte er nicht. Angebote der Berufsberatung – die Beraterinnen und Berater sind regelmässig in den Schulhäusern präsent und unterstützen die Jugendlichen bei Berufswahl und Lehrstellensuche – hat er von sich aus nicht genutzt. So hat er sich am Ende querbeet durch mehrere Berufsfelder hindurch beworben. Um die 50 Bewerbungen für eine Lehrstelle habe er geschrieben, erzählt Daniel, als Koch und Logistiker, als Detailhandelsfachmann und Elektroinstallateur, als Kaufmann und für zahlreiche Lehrstellen auf dem Bau. Letztes Jahr fand er eine Lehrstelle im kaufmännischen Bereich, die er aber schon nach rund drei Monaten wegen persönlicher Probleme – Daniel leidet unter Depressionen und ist in therapeutischer Behandlung – abbrechen musste. Seither ist er vor allem damit beschäftigt, mit sich selbst klarzukommen.

Keine Halbherzigkeiten mehr
Und genau hier hakt Chantal Biber ein, sehr bestimmt: Er müsse sich zuallererst um sich und seine Gesundheit kümmern. Erst wenn er das im Griff habe, lohne es sich, eine Berufslehre zu beginnen, die er dann auch durchziehen könne. Ansonsten laufe er Gefahr, immer wieder etwas Neues halbherzig anzufangen und dann nach kurzer Zeit wieder abzubrechen. Das ist natürlich nicht das, was Daniel hören möchte. Er habe Angst, noch mehr Zeit zu verlieren, sagt er. Eigentlich möchte er baldmöglichst das machen, was angesichts der Träume vieler seiner Altersgenossinnen und Altersgenossen fast ein bisschen unspektakulär ist: eine Lehre machen und abschliessen, arbeiten und sein eigenes Geld verdienen, eine eigene Wohnung haben, ein ganz normales Leben führen.

Seit dem Erstgespräch sind ein paar Wochen vergangen, und wie Chantal Biber bereits während des Gesprächs kommuniziert hatte, ist für Daniel eher ein sogenanntes Gruppensemo (Motivationssemester in einer Gruppe) geeignet, weil dort eine engere Betreuung stattfindet. Sie hat mit dem zuständigen Personalberater des RAV ein längeres Gespräch geführt und dann zusammen mit Daniel vereinbart, dass er seinen Weg in einem Gruppensemo, das ausserhalb von JOB PLUS stattfindet, weitergeht.

*Name geändert

Einige Kennzahlen aus dem Schlussbericht des JOB-PLUS-Jahrgangs 2015/2016

  • Von 302 angemeldeten Jugendlichen konnten 200 in die Angebote von JOB PLUS aufgenommen werden (106 im Detailhandel, 53 in KV und Logistik, 41 im Bereich Technik).
  • 123 Teilnehmende haben eine Lehrstelle (108 EFZ, 15 EBA) gefunden.
  • Für weitere 60 Teilnehmende konnte eine Anschlusslösung gefunden werden (Arbeitsstelle, Praktikum, Gymnasium usw.).
  • In einer Zufriedenheitsbefragung gaben rund neun von zehn Teilnehmenden an, dass sie von JOB PLUS profitiert hätten.
JOB PLUS ist ein Motivationssemester für Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden oder die Lehre abgebrochen haben und nun eine Anschlusslösung suchen. Interessierte werden vom RAV vermittelt und arbeiten im Rahmen des Motivationssemesters vier Tage pro Woche und besuchen einen Tag pro Woche die Schule. In dieser Zeit werden die Jugendlichen intensiv von den Berufsberaterinnen und Berufsberatern des Laufbahnzentrums begleitet und unterstützt. Mehr Informationen zu JOB PLUS.

 

 

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