Akademisierung setzt Berufsbildung unter Druck

7 26. Januar 2017 / Posted von Drucken

Eine der auffallendsten Erscheinungen der Bildungsreformen des 21. Jahrhunderts ist die zunehmende Akademisierung, mit der mehr Bildung und damit mehr Wohlstand für alle erreicht werden sollte. In einem Vortrag im Rahmen der Sitzung der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management (ZGP) referierte Katja Rost, Ordinaria am Soziologischen Institut der Universität Zürich, zum Thema «Soziale Ungleichheit und akademischer Kapitalismus» und zeigte aktuelle Trends des Arbeitsmarkts im Zusammenhang mit der Bildungsexpansion auf.

von Michael Milz

Ein Überblick über die nationalen Arbeitsmarkttrends zeigt, dass bei Stellenangeboten ein hoher Bedarf an Abgängern und Abgängerinnen von Hochschulen sowie Absolventen und Absolventinnen von beruflichen Grundbildungen besteht: Lediglich bei 11 Prozent der Stellenangebote wird keine Berufs- und Hochschulbildung verlangt. Jugendliche mit einer dualen Ausbildung haben beim Berufseinstieg grundsätzlich gute Chancen. Allerdings nimmt das Arbeitslosigkeitsrisiko bei Berufseinsteigern mit dualer Ausbildung zu. Einer der Gründe ist, dass Unternehmen immer weniger Berufseinsteiger mit ausgewiesenem Fachwissen, sondern vermehrt Personen mit mehrjähriger Berufserfahrung und sogenannten Soft Skills (soziale Kompetenzen und persönliche Fähigkeiten) suchen. Schliesslich wird auch das Angebot an tatsächlich freien Stellen für Lehrabgänger einer beruflichen Grundbildung immer kleiner: In den Jahren zwischen 2001 und 2011 halbierte sich dieses praktisch.

Eine Evidenz für ein Missverhältnis zwischen dualer Berufsausbildung und Nachfrage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt kann Katja Rost allerdings nicht ausmachen – auch nicht für eine sinkende Nachfrage nach dualen Berufsausbildungen zugunsten von tertiären Ausbildungen. In Deutschland hingegen seien solche Tendenzen bereits feststellbar.

Gesamtgesellschaftlich kaum feststellbare Effekte der Bildungsexpansion
Ziel der europäischen Bildungsreformen im 21. Jahrhundert war mehr Bildung für alle – und damit mehr Wohlstand und weniger Arbeitslosigkeit. Erreicht werden sollte das dank der Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes und durch die Expansion des Hochschulbereichs. Angesichts dieser Akademisierung stellt sich natürlich die Frage, ob es zu einer weltweiten Angleichung der Hochschulsysteme kommt und die Berufsausbildung dadurch unter Druck gerät. Dafür sprechen einheitliche globale Standards wie Bologna oder New Public Management, dagegen die Tatsache, dass Unterschiede in der nationalen Hochschullehre von unterschiedlichen Kapitalismustypen herrühren: In «Liberal Market Economies» (LME), wie sie vor allem im angelsächsischen Sprachraum verbreitet sind, spielen Soft Skills wie Arbeitseffizienz, Präsentationsfähigkeiten oder effektives Verhandeln eine viel stärkere Rolle als in «Coordinated Market Economies» (CME), wo firmen- und industriespezifische Fähigkeiten gefragt sind. CMEs finden sich etwa in den skandinavischen Ländern, aber auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Entsprechend arbeiten in CMEs nur etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer in einem fachfremden Bereich, während es in den LMEs mehr als doppelt so viele sind.

Katja Rost skizziert drei denkbare Szenarien, wie sich die Akademisierung auf Wohlstand und Arbeitslosigkeit auswirken könnte: Entweder gibt es schlicht keinen Effekt, das Überangebot wertet die Abschlüsse ab oder die Abschlüsse werden durch die gesamtgesellschaftliche Produktivitätssteigerung aufgewertet. Bislang gibt es aber nur uneinheitliche Befunde für diese Szenarien. Für Deutschland etwa kann folgender Makrotrend beobachtet werden: In den letzten dreissig Jahren haben die Abschlüsse auf tertiärer Ebene zugenommen – und das zum Teil auf Kosten der Abschlüsse auf Sekundarstufe II. Der Nettolohn hingegen ist stabil geblieben, und die Arbeitslosigkeit ist im selben Zeitraum – abgesehen von einigen Schwankungen – auch mehr oder weniger stabil geblieben. Insofern sind gesamtgesellschaftliche Effekte kaum feststellbar.

Auf Ebene des Einzelnen führt wenig Bildung zu sozialem Abstieg
Im Bereich der Mikrotrends hingegen zeigt sich ein Einfluss der Bildungsexpansion auf die Lohnentwicklung und das Arbeitslosigkeitsrisiko des Einzelnen: So bleiben die Löhne von Personen mit Hochschulabschlüssen tendenziell stabil, während sie bei Personen mit weniger hoher Ausbildung sinken. Eine ähnliche Tendenz zeichnet sich beim Arbeitslosigkeitsrisiko ab: Wer über keinen Hochschulabschluss verfügt, ist eher gefährdet, die Arbeitsstelle zu verlieren. Mit anderen Worten: Eine höhere Ausbildung verhilft nicht unbedingt zu beruflichem Aufstieg, sondern kann lediglich dazu beitragen, dass ein beruflicher Abstieg verhindert wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bildungsexpansion für Hochgebildete zu einer Bildungsinflation für Niedriggebildete führt: Der Wohlstand insgesamt ist nicht gestiegen, wohl aber die soziale Distanz zwischen Hoch- und Niedriggebildeten. Durch Technologisierung und Globalisierung findet eine Polarisierung des Arbeitsmarktes statt: einerseits gut bezahlte Jobs mit hohen Anforderungen, andererseits schlechtbezahlte Jobs mit niedriger Qualifikation. Bei Letzteren geht es oft darum, dem Wohl und Komfort der Wohlhabenden zu dienen. Bedroht ist vor allem der Mittelstand: Immer mehr Jobs in der Produktion, im Büro oder in der Administration, die bezüglich Lohn und Qualifikation im Mittelfeld angesiedelt sind, fallen der Automatisierung zum Opfer.

Polarisierung als langfristiger Trend
Diese Polarisierung schlägt sich auch in der Gesellschaft nieder und zeigt sich als soziale Ungleichheit, die bereits seit den 1970er-Jahren zunimmt – in den USA noch stärker als in Europa. Diese Entwicklung ist in abgeschwächter Form auch in der Schweiz zu beobachten: Das Niveau der niedrigen Löhne stagniert, die sehr hohen Löhne steigen stark an – stärker noch als die Produktivität insgesamt. Verschiedene Ökonomen gehen bei dieser Polarisierung von einem langfristigen und nicht reversiblen Trend aus.

Die beruflichen Grundbildungen geraten zusehends unter Druck, weil eine Umstrukturierung zugunsten der Hochschulbildung stattfindet. Diese Umstrukturierung, so hält Katja Rost fest, hat allerdings auch zwei Schwachpunkte: Einerseits wurden die Widersprüche und Gegensätze in der Welt unterschätzt. Es herrscht eine nennenswerte Globalisierungsskepsis in der Bevölkerung, und davon dürfte das duale Bildungssystem profitieren. Und andererseits spielt die Stabilität nationaler Traditionen eine wichtige Rolle. In der Arbeitswelt spielen nicht nur sprachliche und kulturelle Nähe eine nach wie vor wichtige Rolle, sondern auch spezifische Erwartungen und Bedürfnisse des Arbeitsmarktes wie nach fachlich spezialisierten und berufsnahen Ausbildungen.

Bild: Thomas Kölsch / Pixelio.de

2 Kommentierte

  • Sergio Casucci 30. Januar 2017 - 15:15 Antworten

    Sehr gut zusammengefasst, und schön kommt das Thema überhaupt auf diesem Kanal!

  • Emil Wettstein 31. Januar 2017 - 9:00 Antworten

    Die Referentin stellt Hochschulbildung der Berufsbildung gegenüber. Es wird nicht deutlich, dass die berufliche Grundbildung in manchen Ländern – insbesondere auch in der Schweiz – ein Zubringer zur Hochschule sein kann. Weiter wird nicht berücksichtigt, dass es neben den Hochschulen auch andere Bereiche einer tertiären Ausbildung gibt.
    Der Gegensatz müsste heissen: Abschlüsse auf Sekundarstufe II vs. solche auf Tertiärstufe – und dann allenfalls Differenzierungen innerhalb dieser beiden Blöcke. Der Vergleich Hochschule vs. Berufsbildung ergibt – mindestens für die Schweiz und einige weitere Länder – falsche Resultate.

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